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Tragsessel in der spanischen Monarchie des 16 und 17 Jahrhunderts 167
verstärkten Gebrauch von Tragsesseln seitens der Stadtbevölkerungen Kastiliens führten,
was wiederum eine vermehrte Nutzung von Miettragsesseln zur Folge hatte. Um dieser
Entwicklung entgegenzuwirken, wurde im Jahr 1594 die erste uns bekannte Verordnung
erlassen, die Sesselträger direkt betraf. Die darin festgehaltenen Bestimmungen hatten
nicht nur für Madrid Gültigkeit, sondern auch für andere Städte des Königreichs, mög-
licherweise sogar für ganz Kastilien. Zweck der Verordnung war es, das Heer mittelloser
Personen, die unter anderem versuchten, Arbeit als Sesselträger zu finden, unter Kontrolle
zu bringen. Am 6. Februar 1594 fasste die Junta Grande folgenden Beschluss:
Aufgrund des Überangebotes an Sesselträgern, die am Hof für den Transport von Personen
gemietet werden können, und wegen ihrer überzogenen Preise unterbreiteten die Alcaldes
de Corte dem Kastilischen Rat infolge der aufgetretenen Missstände den Vorschlag, dieses
Gewerbe zu regulieren. Der Rat gelangte zur Auffassung, dass diese Männer keine Tragses-
sel mehr vermieten dürfen und dass für eine einfache Strecke nicht mehr als ein Real und
für den Rückweg ebenfalls nur ein Real verlangt werden dürfe. Sollte der Weg etwas weiter
sein, dürfe auch etwas mehr verlangt werden, sollte sich der Benutzer damit einverstanden
erklären.411
Infolgedessen wurden einerseits das Gewerbe mit nicht angemeldeten Tragsesseln verboten
und andererseits verbindliche Tarife für Sesselträgerdienste festgesetzt. Vom Versuch, un-
abhängige Gewerbetreibende zu kontrollieren, waren allem Anschein nach Sesselträger in
privaten Haushalten ausgenommen, blieben diese doch in der Ratssitzung unerwähnt. In-
teressant sind in diesem Zusammenhang Verse, die ebenfalls 1594 in Sevilla veröffentlicht
wurden. Darin wird Tragsesselnutzern empfohlen, auf Sklavendienste zurückzugreifen:
Sollen es ihre eigenen gekauften / nicht gemietete oder geliehene sein / um Dukaten zu
sparen / nehmen sie fremde Leute.412
411 „[…] los alcaldes de Corte viendo el excesso que en ella ay de moços que se alquilan para llevar personas
en sillas y la demasía de precio, consultaron al conº se les tasasse, y visto en él parece que se devría mandar
que estos hombres no tengan sillas para alquilar por los inconvenientes que resultan, y que por cada visita
que fueren en silla de yda, y buelta no puedan llevar más q un real cada uno, o, algo más siendo lexos
a voluntad del que las alquila“. Die Stellungnahme des Königs lautete: „Am besten wäre es wohl,
diese Tragsessel durch ein Verbot zu eliminieren, und so soll es dem Rat auch mitgeteilt werden“
(„[…] parece que lo más acertado será prohibir que no aya estas sillas, y responderlo assí al Consº“).
IVDJ, Envío 43 (II), 448. Offenbar verfügten einige Sesselträger bereits über eine entsprechende
Genehmigung. Andere scheinen hingegen ohne Erlaubnis ihre Dienste angeboten zu haben.
412 „Que sean suyos comprados, / no alquilados ni prestados, / que por ahorrar ducados / se sirven de gente
ajena“. Aquí se contiene un milagro que el glorioso San Diego hizo con una devota suya, a los
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918