Seite - 170 - in Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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170 Alejandro López Álvarez
Die Nichtbeachtung dieser Regel wurde mit öffentlichem Ehrverlust und einer zweijäh-
rigen Verbannung vom Hof geahndet. Bei den Sesselträgern traf diese Bestimmung auf
Widerstand. Schon kurze Zeit später machten die registrierten Sesselträger Joan de Feira,
Bartolomé Riviera, Francisco de Montejo und weitere Schicksalsgefährten vor dem Rat
geltend, dass sowohl sie als auch ihre Vorgänger seit mehr als zwanzig Jahren auf der Plaza
de Santa Cruz ihren Standplatz gehabt hätten. Für das Recht, dort die Vorhallen bezie-
hungsweise die Plaza de Herradores nutzen zu dürfen, hatten sie bereits eine Kaution hin-
terlegt. Ein Aufgeben des Standorts Santa Cruz bedeute Veränderungen, die ihren Kun-
den erhebliche Unannehmlichkeiten bereiten würden (Abb. 9). Aufgrund der Größe des
Hofes, so die Beschwerdeführer, bestehe Bedarf an zwei Standplätzen für Sesselträger. Mit
nur einem einzigen Standort würde es den Damen infolge der dadurch hervorgerufenen
Verzögerungen erschwert, ihre Besuche im Tragsessel bequem und pünktlich abzustatten.
Noch heftiger fielen die Proteste gegen die Pflicht aus, die Riemen um die Schulter hän-
gend tragen zu müssen,
denn das Umlegen von Tragriemen über der Kleidung ist nie üblich gewesen; es ist weder
zweckmäßig noch bequem, selbst dann nicht, wenn die Riemen nicht offen sichtbar ge-
tragen würden.417
Die Sesselträger versicherten, die Tragriemen an Bändern beziehungsweise ihren Hosen-
bünden hängend oder aber in ihren Rocktaschen mit sich zu führen. Würde man sie nun
aber dazu verpflichten, die Tragriemen um den Hals zu tragen,
wäre das sehr auffällig, sie würden wie Haussklaven erscheinen, und keiner hätte mehr das
Verlangen, als Sesselträger zu dienen.418
Im darauf folgenden Rechtsstreit gaben fünf Zeugen Auskunft über die Tätigkeiten und
das Verhalten der Sesselträger. Der im Anschluss daran gefasste Entschluss war gegen die
Interessen der Sesselträger gerichtet.419 Sie hatten behauptet, der Wegfall eines ihrer Stand-
plätze, nämlich der Plaza de Santa Cruz, würde den Bewohnern der Stadtviertel San Jeró-
nimo, San Sebastián und Lavapiés den Zugang zu Tragsesseln erschweren. Der Beschluss
der Sala de Alcaldes scheint jedoch nicht ohne Hintergedanken gefasst worden zu sein,
417 „[…] porque el traer correas del oficio encima de los vestidos nunca se a usado ni es cosa conveniente ni
menos de no traer los dichos correones descubiertos se sigue inconveniente […]“. Ebenda, fol. 15r–v.
418 „[…] sería mucha nota de andar como los esclavos particular y ning° querría servir de mozo de sillas
[…]“. Ebenda, fol. 16r.
419 Für nähere Informationen dazu siehe López Álvarez 2007 (wie Anm. 1), S. 567–569.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918