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172 Alejandro López Álvarez
Aufwendungen für notleidende Gefangene.423 Zweifellos waren all diese Maßnahmen Aus-
druck der Bemühungen, Kontrolle über Sesselträger zu erlangen, den Zugang zu diesem
Luxusgut zu reglementieren und so manchem auch den Zugang dazu zu ermöglichen.
Parallel zu den gesetzlichen Mitteln, die ergriffen wurden, um den Zugang bestimm-
ter Gesellschaftsgruppen zu Tragsesseln sowie die Sesselträger selbst zu kontrollieren, und
gleichzeitig mit dem bereits erörterten „Institutionalisierungsprozess“, der verstärkten
Integration von Tragsesseln in das königliche Hofzeremoniell und dem auf dem Sektor
der Luxusvehikel ausgetragenen sozialen Wettbewerb erschien auch eine Reihe von Pu-
blikationen aus der Feder von Moralschriftstellern und anderen Autoren. Ihr Anliegen
war es, jene Probleme anzuprangern beziehungsweise zu beseitigen, die durch die um sich
greifende Verarmung von am Hof lebenden Personen hervorgerufen worden waren. Da
die Maßnahmen zur Kontrolle der Sesselträger und Kutscher offenbar nicht die erwünsch-
ten Erfolge gezeitigt hatten, unter anderem, weil in jenen Jahren der soziale Druck, sich
mit Kutschen und Tragsesseln auszustatten, enorm war, setzten diese Autoren Sesselträger
und Kutscher auf die Liste jener Berufe, die sie abgeschafft wissen wollten. Es scheint
plausibel, dass sich die Zahl der Tragsesselbenutzer analog zu früheren Entwicklungen im
Bereich der Kutschen im Zuge des „Institutionalisierungsprozesses“ erhöht hatte und in-
folgedessen auch die Zahl jener Personen, die ihren Lebensunterhalt als Mietsesselträger
verdienen wollten, gewachsen war. Vor diesem Hintergrund ist ein Schreiben der Junta
de Refor mación an den König vom 23. Mai 1621 zu sehen, in dem die Übervölkerung am
Hof beklagt und gleichzeitig die Notwendigkeit betont wurde, den Adel dazu zu bewegen,
Madrid zu verlassen, um in ärmere, dünn besiedelte Gebiete zu ziehen:
[…] all die Herren scharen Diener, Angehörige, Gehilfen und andere Handwerker um
sich, die ihre Häuser verlassen haben und hierher an den Hof gekommen sind, weil sie zu
wenig zu arbeiten hatten, um sich ihr tägliches Brot zu verdienen, und die deshalb nun als
Pagen oder Knappen dienen. Zu dieser Entwicklung trägt in nicht unbeträchtlichem Maß
der üble Brauch bei, dass jede Dame ihrem Tragsessel ein Geschwader an Dienern folgen
lässt und sich der Hof auf diese Weise mit Müßiggängern füllt, die Grund zur Sorge und
Beunruhigung sind. Andere wiederum umgeben sich mit Lakaien, Kutschern, Sessel- und
Wasserträgern sowie anderen nutzlosen Leuten, Personen, die hier vollkommen überflüssig
sind, in ihren Heimatorten aber gut gebraucht werden könnten, um die Felder zu bewirt-
schaften und zu kultivieren, was schließlich auch die Hauptaufgabe und das Rückgrat der
Republik ist.424
423 AHN, Consejos, Libro 1214, fol. 222r–v.
424 „[…] los señores con los criados y allegados y offiçiales y otros menestrales que llevarán tras sí, los quales se
han venido a esta Corte y dexado sus casas por no tener en qué trabajar ni ganar de comer en ella, dando
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918