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Portantine und sillas de manos im Hofzeremoniell Neapels 181
hikeln handelte es sich nicht nur um äußerst nützliche Transportmittel, sondern auch um
Machtsymbole, die bestehende soziale Strukturen besonders deutlich zu Tage treten ließen.
Nicht zuletzt deshalb wird ihre Rolle in den Quellen des hier behandelten Untersuchungs-
zeitraums, der mit Ende des 16. Jahrhunderts beginnt und sich über das gesamte 17. Jahrhun-
dert erstreckt, oftmals eigens hervorgehoben. Es erscheint deshalb geboten, eine Zusammen-
stellung der Quellen, in denen der Terminus Tragsessel (portantina) und seine Varianten (silla,
silleta, silla de mano oder – wenn auch nur am Rande – lettiga) vorkommen, zu liefern und
anhand der darin beschriebenen Einsatzgebiete eine differenzierte Typologie herzuleiten.5 Die
Auswertung der schriftlichen Zeugnisse soll zusätzlich von einer Untersuchung zeitgenössi-
scher Bildquellen begleitet werden. Bevor wir uns aber der Anthologie zuwenden, wollen wir
zunächst der Frage auf den Grund gehen, was Tragsessel überhaupt sind, was sie von anderen
Transportmitteln unterscheidet und wofür sie im Lauf der Geschichte verwendet wurden.
2 Terminologie
Eine portantina ist im allgemeinen Wortsinn6 ein Sitzmöbel, das in einen schützenden
Kasten eingebettet ist. Der Kasten verfügt für gewöhnlich über eine kleine Tür und wird
mittels seitlich fixierter Holme getragen. Luxuriöse Modelle wiesen zudem Vorhänge oder
eine Verglasung sowie Verzierungen auf, deren Aussehen je nach Zeitgeschmack variierte.
Bis Ende des 19. Jahrhunderts fanden derartige der Personenbeförderung dienende Trans-
portmittel auf kurzen Strecken Verwendung.7 Als Anschauungsbeispiel möge hier eine
typische portantina dienen, die in einer nach dem Marchese Mario d’Alessandro di Civita-
nova benannten Kutschensammlung8 aufbewahrt wird. Die Kollektion erfuhr erst kürzlich
eine Neuaufstellung und ist nun im alten Marstallgebäude der Villa Pignatelli in Neapel
öffentlich zugänglich (Abb. 1).
In einigen bildlichen Zeugnissen von Ende des 16. Jahrhunderts bestehen Tragsessel aus
einer mit Trageholmen versehenen hölzernen Plattform, auf der ein Sessel befestigt ist. Die
5 Die Darstellung folgt keiner strengen Chronologie, da innerhalb des Untersuchungszeitraums
keine signifikanten Veränderungen in Hinblick auf den Gebrauch von Tragsesseln im Rahmen des
Hofzeremoniells zu beobachten sind.
6 Darin stimmen die entsprechenden Einträge in den beiden Nachschlagewerken Salvatore Batta-
glia (Hg.), Grande dizionario della lingua italiana (1961–2002) und N. Tommaseo/B. Bellini,
Dizionario della lingua italiana (1861–1874) überein.
7 Einen guten Überblick über die baulichen Eigenschaften von Tragsesseln bietet Farida Simonetti/
Marzia Cataldi Gallo (Hg.), Farsi portare in carega. Portantine e livree per la nobiltà genovese
(Ausstellungskatalog, Genova 1995), S. 40–45.
8 Denise Maria Pagano (Hg.), Museo delle carrozze a Villa Pignatelli (Napoli 2014).
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918