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Portantine und sillas de manos im Hofzeremoniell Neapels 185
son vergleichsweise mehr Platz und und größeren Komfort,13 und ihr Aufbau erinnert an
die „Verbindung zweier gespiegelt angeordneter Tragsessel“. Dies erlaubte es den Insassen
zwar nicht, sich darin völlig ausgestreckt hinzulegen, ermöglichte jedoch mehr als nur
einer Person, darin Platz zu nehmen, und bot somit die Gelegenheit, unterwegs ein Ge-
spräch zu führen.14
Die Sänfte (span. litera) findet in den Zeremonialschriften nur selten Erwähnung. Sie
wurde beispielsweise von der Vizekönigin verwendet, allerdings nicht für Ortsverände-
rungen innerhalb des städtischen Raums, sondern auf längeren Reisen. Einen solchen Fall
erwähnte etwa Díez in seiner Beschreibung der Obbedienzgesandtschaft des Conde de
Lemos von Neapel an den päpstlichen Hof im März des Jahres 1600. Die Vizekönigin legte
damals die weite Strecke in einer litera zurück, die eigens für diesen Anlass hergestellt wor-
den war. Ihr persönliches Vehikel unterschied sich von jenen der sie begleitenden Damen
durch die Qualität der eingesetzten Materialien – es war mit karmesinrotem Samt bezogen
und mit goldenen Borten versehen –, weiterhin durch eine entfernbare Bedachung sowie
durch ein außen angebrachtes, mit Samt tapeziertes Trittbrett, das ein müheloses Auf- und
Absteigen ermöglichte.15
In Hinblick auf die Terminologie sind die Zeremonialtexte sowohl im Italienischen als
auch im Spanischen oft mehrdeutig, da die Begriffe „portantina“, „silla“, „silla de manos“
(und zuweilen auch „lettiga“) darin häufig und ohne weitere Differenzierung dieselben
Transportmittel bezeichneten. In manchen Fällen erlaubt nur der Kontext die Identifika-
tion eines bestimmten Vehikeltypus.16 Der Begriff, der mit Abstand die größten Schwierig-
keiten bereitet, ist „silla“: Er ist in allen uns zur Verfügung stehenden Zeremonialtexten
omnipräsent und wird sowohl zur Bezeichnung eines gewöhnlichen Sessels als auch einer
sedia a mano, einer portantina oder manchmal gar eines Pferdesattels verwendet. Der Aus-
13 Majorca Mortillaro 1897 (wie Anm. 10), S. 11 f.
14 Vgl. Simonetti/Cataldi Gallo 1995 (wie Anm. 7), S. 13.
15 „Mandóse hazer una littera aforrada en terciopelo carmessí toda guarnecida y bordada de oro y que el
cielo de encima fuesse leuadizo con su tablilla guarnecida de lo mismo para que suuiesse a dicha littera
la virreyna. […] Venía luego la littera de la virreyna con ella dentro, quitado el cielo de encima, para
que pudiesse uer y ser uista, y a su lado yzquierdo, yua en un famosso y rico cauallo con un riquíssimo
vestido de campaña el señor conde de Lemos lleuando delante de la littera doze lacayos descubiertos y en
cuerpo y al lado yzquierdo del virrey yva el paje de lança con su sayo vaquero, banda y sombrero como
queda dicho, lleuando arbolado el guionzillo, desuiado un cuerpo de cauallo de Su Excelencia“. Díez
de Aux 1622 (wie Anm. 2), S. 101–105.
16 Glücklicherweise nimmt die Zeremonialschrift mit der Signatur 1489 – eine jener Handschriften,
die für den vorliegenden Beitrag nicht ausgewertet wurde – eine sprachliche Vermittlerrolle ein, da
sie den gesamten Inhalt des Manuskripts 1483 zusammenfasst und übersetzt und auf diese Weise
die italienische Terminologie des 18. Jahrhunderts etwas erhellt, was uns wiederum dabei helfen
kann, terminologische Fragen rund um Tragsessel zu klären.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918