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Portantine und sillas de manos im Hofzeremoniell Neapels 193
Ein Fortkommen war auch deshalb im Tragsessel komfortabler als in einer Karosse, weil
aufgrund der Enge vieler Straßen Neapels mit den behäbigeren Wagen häufig Umwege
genommen werden mussten. Eine Stelle in der Zeremonialschrift 1486 erwähnt einen Fall,
in dem ein Weiterkommen in der Karosse gar nicht mehr möglich war und der Vizekönig
schließlich aus dem Wagen steigen und ein Stück des Weges zu Fuß gehen musste. Dies
brachte wiederum den Zeremonienmeister völlig aus dem Konzept, da ihm kein entspre-
chender Präzedenzfall bekannt war, der als Leitfaden hätte dienen können.26 Die Bequem-
lichkeit von Tragsesseln wird auch in einer Passage der Zeremonialschrift 1483 evident, die
zeigt, dass man sich in einem solchen Transportmittel sogar an Bord einer Galeere bringen
lassen konnte, ohne den Fuß auf den Boden setzen zu müssen:
Baxó Su Exçelençia en público por el Muellecillo en silla, allí fue por dentro del Arsenal y
salió a la Dársena […] Subió Su Exçelençia con su silla, ençima la capitana y al salir de la
silla le puço el bastón en la mano que se lo regaló; Su Exçelençia estubo un ratto dentro la
popa y se boluió a poner en silla y se fue por el mismo camino, quedando el señor general a
la bocca de su capitana.27
Da Tragsessel Transportmittel und Kennzeichen der oberen Gesellschaftsschichten waren,
stellte man sie als Zeichen des Respekts und aus Höflichkeitsgründen auch gerne hoch-
gestellten Personen zur Verfügung. Für illustre Gäste des Hofes schrieb das Zeremoniell
eine solche Vorgehensweise sogar explizit vor. Wurde hoher Besuch erwartet, mussten am
Tor des Arsenals Tragsessel bereitstehen, damit der Gast darin in den Königspalast geleitet
werden konnte.28 In solchen Fällen wurden Tragsessel auch über die Wendeltreppe29 („ca-
la gente que huya, tomó una silleta y se entró en su Palacio Real“. Díez de Aux 1622 (wie Anm. 2), S.
67. Siehe dazu auch Renao 1634 (wie Anm. 3), c. 201r.
26 „Nell’ultima sera delli lumi, havendo andato per li mercanti ed orefici Sua Eminenza, perché la car-
rozza per la [st]rettezza de’ vicoli non poteva andare avanti, volse per ivi andare a piedi; dal maestro
di cerimonie se li disse che non si era tal cosa stilato, al che rispose che ogni novità se portava poi per
esemplare e così camminò a piedi tutte le strade d’orefici“. Attilio Antonelli (Hg.), Cerimoniale del
viceregno austriaco di Napoli, 1707–1734 (I ceremoniali della corte di Napoli 2, Napoli 2014), S.
213, cc. 125r–125v. Die hier beschriebene Szene fand im Jahr 1724 statt.
27 Antonelli 2012 (wie Anm. 1), S. 478, c. 156r.
28 „El día siguiente tiene de boluer la visita, viniendo con sus galeras y apeándose a la puerta del Atta-
racenal donde con sus galeras Su Excelencia acompañado de todo su baronaje, Colateral, Tribunales y
continos, teniendo preuenido el cauallerizo mayor, silletas de respecto por si acaso se offreciesse hauer
algun impedimiento“. Díez de Aux 1622 (wie Anm. 2), S. 3.
29 Tragsessel waren so weit verbreitet, dass ihre Maße sogar bei der Planung von Treppenhäusern und
Durchgängen in Palästen berücksichtigt werden mussten. In einer Quelle des 17. Jahrhunderts, in
der die umfassenden von Vizekönig Conde de Oñate (1648–1653) in Auftrag gegebenen Renovie-
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918