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208 Mario Döberl
Hof scheint es solche aber erst ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegeben zu haben.3
Relativ unkompliziert war es, gehbehinderte Personen in einem von Männern getragenen
Sessel transportieren zu lassen, da auf diese Weise die Überwindung kleinerer oder größe-
rer Niveauunterschiede wie Türschwellen oder Treppen einfach zu bewerkstelligen war.
Im besten Fall erinnerte ein Fürst, der in einem Sessel getragen wurde, sogar an ein positiv
konnotiertes Bild, nämlich an einen thronenden Herrscher.
Mehrere habsburgische Fürsten des Spätmittelalters waren zumindest zeitweise geh-
behindert und deshalb gezwungen, Tragevehikel zu verwenden. Herzog Albrecht II. von
Österreich (1298–1358), der von der Historiographie auch mit dem Beinamen „der Lahme“
versehen wurde, litt von 1330 an bis zu seinem Tod – also beinahe drei Jahrzehnte lang –
unter Lähmungen an Armen und Beinen. Nahm man früher an, dass sein Leiden von
einer Vergiftung herrührte, zeigten jüngere Untersuchungen an seinem Skelett, dass er an
einer stark ausgeprägten Polyarthritis litt.4 Wie stark seine Bewegungsfähigkeit tatsäch-
lich eingeschränkt war, demonstriert eine Anekdote des Geschichtsschreibers Johann von
Viktring (ca. 1270–1347), eines Zeitgenossen Albrechts II. Er schilderte ein Zusammentref-
fen im Jahr 1342 in Wien zwischen dem gelähmten Herzog und König Johann von Böh-
men, der seinerseits die Sehkraft zur Gänze verloren hatte. Die beiden auf unterschiedliche
Weise behinderten Fürsten führten dabei in einem geschlossenen Raum eine vertrauliche
alters und der Frühen Neuzeit siehe auch Ernst Hautsch, Der Nürnberger Zirkelschmied Johann
Hautsch (1595–1670) und seine Erfindungen. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der
Stadt Nürnberg 46 (1955), S. 533–556, hier S. 535; Jörg Jochen Berns, Die Herkunft des Automobils
aus Himmelstrionfo und Höllenmaschine (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek 54, Berlin
1996), S. 72 f.
3 Vgl. den Rollstuhl von Kaiserin Elisabeth Christine im Hofmobiliendepot – Möbel Museum
Wien. Christian Witt-Dörring, Die Möbelkunst am Wiener Hof zur Zeit Maria Theresias
1740–1780 (ungedr. Dissertation, Universität Wien 1978), S. 204–206; Eva B. Ottillinger, Kai-
serliches Hofmobiliendepot (Wien 2000), S. 13. Zwei vergleichbare Rollstühle des preußischen
Hofes aus dem 18. Jahrhunderts wurden bis zum Zweiten Weltkrieg im Hohenzollernmuseum in
Schloss Monbijou ausgestellt und sind seither verschollen. Siehe dazu (mit Abbildungen) Claudia
Meckel, Kutschen, Schlitten, Sänften (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Branden-
burg, Bestandskatalog der Kunstsammlungen, Berlin 2013), S. 237 f.
4 Zu ihm und seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung siehe Erika Eloga, Albrecht II. Herzog von
Österreich. Eine Monographie (ungedr. Dissertation, Universität Wien 1952), im Besonderen S.
34–37; Alphons Lhotsky, Geschichte Österreichs seit der Mitte des 13. Jahrhunderts (1281–1358)
(Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreich 1, Wien 1967), S. 310–375, im Be-
sonderen S. 310 f.; Günther Hödl, Habsburg und Österreich 1273–1493. Gestalten und Gestalt des
österreichischen Spätmittelalters (Wien/Köln/Graz 1988), S. 75–92, im Besonderen S. 83; Winfried
Stelzer, Albrecht II., „der Weise“, der „Lahme“. In: Brigitte Hamann (Hg.), Die Habsburger. Ein
biographisches Lexikon (Wien 1988), S. 34–35; Alois Niederstätter, Die Herrschaft Österreich.
Fürst und Land im Spätmittelalter (Österreichische Geschichte 1278–1411, Wien 2001), S. 132–145.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918