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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 209
Unterredung unter Ausschluss von Zeugen. Als das Gespräch zu Ende war, bemühte sich
der blinde Gast, den Ausgang zu finden. Als Albrecht II. sah, wie sich Johann von Böhmen
vergeblich die Wand entlangtastete, versuchte er diesem mit Worten den Weg zur Tür zu
weisen, da er ihm aufgrund seiner eigenen Gehbehinderung nicht zu Hilfe eilen konnte.
Nachdem seine mündlichen Hinweise aber nicht das erwünschte Resultat erbracht hatten,
erfassten außerhalb des Raumes wartende Diener die für beide Herrscher höchst unange-
nehme Situation und befreiten sie aus ihrer misslichen Lage.5
Trotz seines körperlichen Gebrechens ließ sich Albrecht II. nicht von ausgedehnten Rei-
sen abhalten. So begab er sich etwa im Jahr 1337 auf eine circa fünf Monate dauernde Wall-
fahrt nach Aachen und Köln, die ihn auf dem Rückweg über das Elsass, Augsburg und
Konstanz führte, bevor er schließlich wieder nach Wien zurückkehrte.6 Natürlich musste
sich der Herzog, dem seit 1330 weder das Gehen noch das Reiten möglich war, dabei eines
Vehikels bedienen. Johann von Viktring nannte das vom Herzog verwendete Transport-
mittel „sella gestatoria“7, womit – im Unterschied zur von Maultieren oder Pferden getra-
genen „lectica“ (Sänfte) – in der Regel ein von Menschen beförderter Tragsessel bezeichnet
wurde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass für das Jahr 1355 in den
Quellen ein gewisser „Johannes portator ducis“ als Besitzer von Weingärten vor den Toren
Wiens dokumentiert ist. Womöglich fungierte er als Sesselträger Albrechts II. und kann
somit vielleicht als erster namentlich bekannter, im Dienst des Hauses Habsburg stehender
Sesselträger gelten.8
Aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist auch ein frühes, sehr ungewöhnliches
Beispiel für die Verwendung eines Tragevehikels beim Einzug eines römischen Königs auf
dem Weg zur Kaiserkrönung dokumentiert. Sigismund von Luxemburg (1368–1437)9
5 Fedor Schneider (Hg.), Iohannis abbatis Victoriensis. Liber certarum historiarum, 2 Bde. (Scrip-
tores rerum Germanicarum in usum scholarum ex Monumentis Germaniae Historicis separatim
editi, Hannover/Leipzig 1909–1910), Bd. 2, S. 225.
6 Ebenda, Bd. 2, S. 169–172, 204–206.
7 „Dux vero Albertus, membrorum compage contracta, ad opera militaria impotens quoad manuum et
pedum virtutem, sella gestatoria mira preditus sapiencia et industria circumfertur […].“ Ebenda, Bd.
2, S. 136. An anderer Stelle schreibt Johann von Viktring im selben Zusammenhang von einem
„Tragevehikel“: „[…] in vehiculo gestatorio semper vectus […].“ Ebenda, Bd. 2, S. 102.
8 Richard Müller, Wiens höfisches und bürgerliches Leben im ausgehenden Mittelalter. In: Ge-
schichte der Stadt Wien, hg. vom Alterthumsvereine zu Wien, Bd. II/2 (Wien 1907), S. 626–757,
hier S. 652.
9 Zu ihm siehe Jörg K. Hoensch, Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit
1368–1437 (München 1996). Zu seinem Romzug und zu seinen gesundheitlichen Problemen siehe
ebenda, S. 371–399, 457–461, 628 f.; allgemein zu Kaiser Sigismund siehe außerdem Michel Pauly/
François Reinert (Hg.), Sigismund von Luxemburg. Ein Kaiser in Europa. Tagungsband des
internationalen historischen und kunsthistorischen Kongresses in Luxemburg, 8.–10. Juni 2005
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918