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222 Mario Döberl
seiner Hartnäckigkeit unter Diplomaten bereits Zweifel an einer Genesung Rudolfs II.
aufkommen ließ und Nachfolgefragen aufwarf, hatte sich im März 1580 eingestellt und
zog sich rund eineinhalb Jahre lang hin, bis schließlich doch schrittweise eine nachhaltige
Verbesserung des Gesundheitszustands eintrat.56 Der päpstliche Nuntius Ottavio Santa-
croce berichtete am 23. Juni 1581 aus Prag, dass es dem rekonvaleszenten Kaiser inzwischen
besser gehe und er sich auch schon wieder in seinen Räumlichkeiten tragen lasse, diese je-
doch noch nicht verlassen könne.57 Rund einen Monat später teilte er in einem Schreiben
nach Rom mit, Rudolf II. lasse sich nun hin und wieder in den Garten tragen und würde
manchmal sogar schon wieder selbst Gehversuche unternehmen.58 Als seine Mutter, die
Kaiserin-Witwe Maria (1528–1603), Anfang August von Prag in Richtung Spanien auf-
brach, wo sie ihren Lebensabend in einem Kloster verbringen wollte, ließ sich der Kaiser in
ihre Gemächer tragen, um sich von ihr zu verabschieden. Rudolf II. ließ damals alle Perso-
nen aus dem Raum schicken.59 Unklar ist dabei, ob er dies tat, weil er in diesem intimen
Moment – beiden war beim Abschied wohl bewusst, dass sie einander voraussichtlich nie
mehr wiedersehen würden – einfach nur allein mit seiner Mutter sein wollte, oder ob es
ihm unangenehm war, von anderen Personen in einem Tragsessel in all seiner körperlichen
Hinfälligkeit gesehen zu werden. Auch bei diesen Einsätzen von Tragsesseln muss vorläufig
die Frage offenbleiben, welche Hofdiener bei Bedarf die Sesselträgerdienste für Rudolf II.
erledigten, da in seinem Hofstaat kein eigens dafür abgestelltes Personal vorhanden war.
Aus den Jahren um 1620 ist sowohl von Kaiser Matthias (1557–1619)60 als auch von
Kaiser Ferdinand II. (1578–1637)61 überliefert, dass sie sich aufgrund eines Gichtleidens,
allgemeiner körperlicher Schwäche beziehungsweise infolge einer Verletzung zumindest
in Einzelfällen im Tragsessel transportieren lassen mussten. Kaiser Matthias, der erst in –
für damalige Verhältnisse – weit fortgeschrittenem Alter zum König von Ungarn (1608),
zum böhmischen (1611) und zum römisch-deutschen König (1612) gekrönt wurde, litt
56 Zu dieser Krankheit siehe Koller 2012 (wie Anm. 55), S. XXXIX–XLI.
57 „S. M.tà, per quel che si dice, sta meglio et si fa portar per casa, ma non esce fuori.“ Santacroce an
Gallio, Prag 1581 Juni 23, ebenda, S. 483.
58 „L’Imperatore si fa portar alle volte in giardino et camina un pochetto, ma però audienza non è possibile
havere, […].“ Santacroce an Gallio, Prag 1581 Juli 31, ebenda, S. 521.
59 „Si è fatto portar l’Imperatore nelle stanze della madre prima della partenza a licentiarsi, ma ha fatto
uscir tutti per non esser visto.“ Santacroce an Gallio, Prag 1581 August 1, ebenda, S. 522.
60 Zu ihm siehe Bernd Rill, Kaiser Matthias. Bruderzwist und Glaubenskampf (Graz/Wien/Köln
1999).
61 Zu Kaiser Ferdinand II. siehe unter anderem Franz Christoph Khevenhüller, Annales Ferdi-
nandei, 12 Bde. (Leipzig 1721–1726); Friedrich von Hurter, Geschichte Ferdinands II. und seiner
Eltern, 11 Bde. (Schaffhausen 1850–1864); Johann Franzl, Ferdinand II. Kaiser im Zwiespalt der
Zeit (Graz/Wien/Köln 21989).
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918