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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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224 Mario Döberl er sich beim Treppensteigen eine Fußverletzung zu und war deshalb gezwungen, sich an den darauf folgenden Weihnachtsfeiertagen im Tragsessel transportieren zu lassen. Zwar nahm er an den Festmessen teil, vermied es jedoch, sich dabei blicken zu lassen. Allein die am Hof weilenden Botschafter und einige andere Personen, die ihm Glückwünsche zu den Feiertagen überbringen wollten, empfing er damals zur Audienz.65 Aus diesen Schilderungen geht hervor, dass sowohl Kaiser Matthias als auch Kaiser Fer- dinand II. es offensichtlich als Schmach betrachteten, sich in der Öffentlichkeit im Tragses- sel zeigen zu müssen. Das Bild des im Tragsessel transportierten Kaisers löste demnach bei Zeitgenossen keinerlei positive Assoziationen aus, wie das damals etwa an anderen europäi- schen Höfen der Fall war, sondern evozierte bei den Zusehern vielmehr ein Bild der Schwä- che, des körperlichen Verfalls und der Vergänglichkeit weltlicher Macht. Vom Bild eines Triumphators auf einem mobilen Thron konnte keine Rede sein. Allerdings erhielten Trag- sessel um 1620 am Kaiserhof auch eine neue, positive Konnotation. Diese Wende hängt eng mit der Verwendung von Tragsesseln durch Frauen zusammen und führte schließlich dazu, dass in jenen Jahren erstmals Sesselträger in den Hofstaat integriert wurden. 2 2 Ein Geschenk aus Florenz für Kaiserin Anna (1615): Tragsessel als Schutz für schwan- gere Fürstinnen und ihre ungeborenen Kinder Wurden bisher nur Fälle erwähnt, in denen männliche Fürsten Tragsessel verwendeten, so sind aus dem Jahr 1615 auch erstmals Quellen überliefert, die eine – für den Kaiserhof – frühe Verwendung von Tragsesseln durch Frauen belegen. In Zusammenhang mit diesbe- züglichen Nachrichten steht ein Gerücht, das im Frühling des Jahres 1615 am Kaiserhof zu kursieren begann: Der venezianische Botschafter Zorzi Giustinian berichtete am 28. März aus Wien, dass seit wenigen Tagen Stimmen im Umlauf seien, Kaiser Matthias’ Gemahlin Anna (1585–1618) erwarte ein Kind und sei bereits im fünften Monat schwanger.66 Diese 65 „L’imp[erato]re la vigilia di natale nello scendere alle solite devozione del rorate si suolse super una scala nella pianella un piede dove calo poi un poco d’umore si che in tutte queste feste s’è fatto portare in sedia alle cappelle fattesi in corte dove non s’è lasciato vedere in publico, et in sedia hà ricevuto dagl’amb[a- sciato]re e dà altri il complimento delle buone feste. Sta ora bene e potrà doman l’altro andare a caccia.“ Toskanischer Botschafter Giovanni Altoviti, Wien 1624 Dezember 28, ASF, MdP, filza 4375, unfol. 66 „Da tre giorni in qua si è data fuori la voce della gravidanza dell’imperatrice, mentre per esser l’impe- rator quasi sessagenario, lei, se bene giovine, molto grassa, et stati già tre anni insieme, non se n’haveva speranza alcuna, et già la m[aestà] s[ua] si trova nel quinto mese, […].“ Venezianischer Botschafter Zorzi Giustinian an Doge Marcantonio Memmo, Wien 1615 März 28, ÖStA, HHStA, Venedig, DdG, Bd. 49, S. 13 f. Am selben Tag berichtete auch der toskanische Botschafter am Kaiserhof nach Florenz, dass Hoffnung bestehe, die Kaiserin sei schwanger, äußerte jedoch auch Zweifel, ob Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Titel
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Untertitel
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Autor
Mario Döberl
Herausgeber
Alejandro López Álvarez
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Abmessungen
17.5 x 24.7 cm
Seiten
432
Kategorien
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