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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Seite - 226 -
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226 Mario Döberl Botschafter, die Großherzogin wolle der Kaiserin einen Tragsessel samt dem dazugehö- rigen Bedienungspersonal schicken. Da sich in Florenz aber keine geübten Sesselträger finden ließen, in Genua hingegen, so Picchena, Tragsessel viel mehr als an allen anderen Orten Italiens in Gebrauch stünden, habe man einen hochrangigen Adeligen in Genua kontaktiert, der sogleich vier geeignete Sesselträger nach Florenz habe abgehen lassen, die nunmehr zur Abreise an den Kaiserhof bereitstünden. Am Florentiner Hof wurden diese vier Männer mit Livreen ausgestattet, wie sie auch die Sesselträger des toskanischen Groß- herzogspaars bei Diensten außerhalb der Stadt trugen. Diese Livreen wurden aber als un- tauglich für ein Geschenk an die Kaiserin befunden, weshalb an Giuliano de’ Medici der Auftrag erging, die vier Sesselträger nach ihrer Ankunft am Kaiserhof mit einer neuen Liv- ree auszustatten. Diese sollte aus Hosen sowie einem kurzen, bis zur halben Schenkelhöhe reichenden Rock nach Uskokenart bestehen, aus rot geblümtem Damaststoff verfertigt und mit Goldfransen besetzt sein. Zum Aussehen des Tragsessels selbst ist von Picchena nur wenig zu erfahren. Wie aus einer Passage seines Schreibens hervorgeht, scheint es sich beim Geschenk um einen geschlossenen Tragsessel gehandelt zu haben, denn das für die Kaiserin bestimmte Objekt wurde für den Transport gut verpackt, in Tücher eingenäht und an mehreren Stellen versiegelt, zum einen, damit sich während der Reise zum Kaiser- hof niemand hineinsetzen konnte, und zum anderen, da so auch der Verlust von einzelnen Bestandteilen einfacher zu verhindern war. Weiterhin geben Picchenas Zeilen preis, dass der Sessel und seine Trageholme in roter Farbe gehalten waren. Der toskanische Botschaf- ter erhielt die Anweisung, vor der Übergabe für einen frischen Anstrich der Trageholme sorgen, da die Fassung, so Picchena, während des Transports Schaden nehmen könnte. Bei der Überreichung des Geschenks war der Botschafter angehalten, der Kaiserin mit- zuteilen, dass der Tragsessel auf florentinische Art gemacht sei und dass das toskanische Großherzogspaar solche Tragsessel höchst komfortabel finde. Die Überführung des Trag- sessels sollte durch vier eigens dafür bestellte Männer auf dem Landweg bis Innsbruck geschehen. Einer von ihnen wurde beauftragt, den Sessel anschließend zu Wasser weiter bis nach Wien zu begleiten. Sollte die Kaiserin sich in der Zwischenzeit jedoch schon nach Prag begeben haben, habe er dafür zu sorgen, dass das Geschenk gleich direkt in die böh- mische Hauptstadt gelange. Dem Präsent der toskanischen Großherzogin an die Kaiserin liegt die damals verbrei- tete Annahme zugrunde, dass die teils heftigen Erschütterungen, denen Insassen von Kut- schen aufgrund der ungenügenden Fahrzeugfederungssysteme ausgesetzt waren,68 Fehlge- 68 Zum Fahrkomfort und zur Entwicklung der Fahrzeugfederung siehe Rudolf H. Wackernagel, Fahr- und Fahrzeugsicherheit: Zum Fahrkomfort barocken Reisens. In: Uta Lindgren (Hg.), Naturwissenschaft und Technik im Barock. Innovation, Repräsentation, Diffusion (Bayreuther Historische Kolloquien 11, Köln/Weimar/Wien 1997), S. 157–189. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Titel
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Untertitel
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Autor
Mario Döberl
Herausgeber
Alejandro López Álvarez
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Abmessungen
17.5 x 24.7 cm
Seiten
432
Kategorien
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