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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 227
burten auslösen könnten. Schwangeren Fürstinnen wurde deshalb empfohlen, Kutschen-
fahrten zu vermeiden und stattdessen lieber einen Tragsessel zu verwenden, dessen sanftes
Schaukeln der zu jener Zeit gängigen Meinung zufolge keine Bedrohung für ungeborene
Kinder darstelle.
Dass entsprechende Ratschläge damals von Frau zu Frau weitergegeben wurden, bele-
gen Briefe der Großherzogin-Witwe Christine von Lothringen (1565–1636) an ihre Tochter
Caterina de’ Medici (1593–1629), die 1617 den Herzog von Mantua geheiratet hatte. Rund
zwei Monate nach ihrer Hochzeit, als man bereits hoffen durfte, dass Caterina de’ Medici
schwanger sei, teilte ihr ihre Mutter brieflich mit, sie solle unbedingt darauf achten, vor
Ablauf des „gewissen“ Monats – gemeint ist wohl das Ende des zweiten Schwangerschafts-
monats – Fahrten in Karossen zu meiden. Sie empfahl, sich besser im Tragsessel transpor-
tieren zu lassen, denn mit dieser Vorgehensweise habe auch sie selbst gute Erfahrungen ge-
macht.69 Nachdem der Eintritt einer Gravidität aber noch weitere Monate auf sich warten
ließ, sprach Christine von Lothringen ihrer Tochter im September 1617 in einem Schrei-
ben Mut zu. Sie riet ihr, weiterhin gelassen zu bleiben, und lobte sie für die Entscheidung,
bereits präventiv von der Kutsche auf den Tragsessel umgestiegen zu sein.70 Der 1615 als
Geschenk der Großherzogin Maria Magdalena an den Kaiserhof gelangte Tragsessel ist
demnach vor dem Hintergrund der damals praktizierten Strategie zur Vermeidung von
Fehlgeburten zu sehen, stellte gleichzeitig aber natürlich auch eine gute Gelegenheit dar,
die Kaiserin mittels eines repräsentativen Geschenks zur eingetretenen Schwangerschaft zu
beglückwünschen.71
Ende Mai 1615 trafen Kaiser Matthias und seine Gemahlin Anna in Prag ein, wo ein
69 „Avvertisca particolarmente di non andare in carrozza finchè non ha passato quell’altro mese, ma vada
in seggiola, come ho fatto io.“ Christine von Lothringen an Caterina de’ Medici, Pisa 1617 April 13,
ASF, MdP, filza 6110, fol. 16r–v.
70 „[…] et s’ella non habbia ricevuto la gratia della gravidanza hora la riceverà ben presto, et intanto non
mi dispiace ch’ella habbia cominciato a usare la seggiola.“ Christine von Lothringen an Caterina de’
Medici, Florenz 1617 September 12, ASF, MdP, filza 6110, fol. 39r–v. Großherzogin Maria Magda-
lena, die bereits 1615 der Kaiserin einen Tragsessel als Präsent hatte überreichen lassen, machte 1617
nun auch Caterina de’ Medici einen Tragsessel zum Geschenk. Ebenda, fol. 39v.
71 Ein anderes, wohl noch kostbareres Geschenk gelangte anlässlich der vermuteten Schwangerschaft
der Kaiserin damals aus den Spanischen Niederlanden nach Prag. Es bestand unter anderem aus
einer Karosse sowie aus zwei besonders reich ausgestatteten Wiegen, eine für den Fall, dass Anna
einen Buben zur Welt bringe, die andere passend für ein Mädchen: „Di Fiandra è venuto questa
settimana la carozza mandata dall’infante [Infantin Isabella Clara Eugenia] con due cune, l’una da
maschio l’altra da femina, benissimo lavorate, con trabacchette, drappi e panni per i bambini, et due
casacchini ala fiaminga per l’imperatrice da tener nel letto, riccamati et tempestati di rubini, diamanti
et perle, stimato tutto 20 mila fiorini […].“ Claudio Sorina an Herzog Ferdinando Gonzaga, Prag
1615 Juli 5, Venturini 2002 (wie Anm. 51), S. 620.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918