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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 229
wie die Übernahme ihrer Verpflegungskosten zugesagt. Auch mit neuen Kleidern für ihre
Rückreise nach Italien durften sie rechnen. Da man in Florenz nicht wissen konnte, ob
man die Sesselträger am Kaiserhof großzügig bezahlen oder ob man sich ihnen gegenüber
knausrig zeigen würde, war vorab die Abmachung getroffen worden, dass der toskanische
Botschafter den Sesselträgern den ihnen versprochenen Lohn abzüglich des Geldbetrags,
den sie vom Kaiserhof erhielten, ausbezahlen solle. Auf jeden Fall sollte vermieden werden,
dass die vier Genuesen, die am Kaiserhof ja für die Handhabung des Geschenkes zustän-
dig waren, sich dort unzufrieden zeigten und damit einen Schatten auf das Präsent fallen
ließen.76
Die Sorgen um etwaige Unmutsäußerungen der Sesselträger erwiesen sich als begrün-
det. Kaum waren sie gemeinsam mit dem Tragsessel in Prag angekommen, beklagten sie
sich, dass sie kein Geld für Essen und Unterkunft mehr übrig hätten, woraufhin sich Pie-
tro Ventorini gezwungen sah, sie vorerst in einem Gasthaus einzuquartieren und dort bis
zum Eintreffen des Botschafters zu verköstigen.77 Gleich nach seiner Ankunft in Prag be-
schwichtigte Giuliano de’ Medici die vier Sesselträger und sicherte ihnen zu, dass sie wie
abgesprochen den ihnen zustehenden Lohn erhalten würden. Offenbar waren die Sessel-
träger in Sorge geraten, als sie bemerkt hatten, dass am Kaiserhof das Geld für eine stan-
desgemäße Ausstattung des Marstalls fehlte.78 Wie Akten aus jenen Jahren zeigen, befand
sich der Hofmarstall damals tatsächlich in einer bedauernswerten Verfassung. Als Beispiel
dafür sei nur erwähnt, dass der Oberststallmeister dem Kaiser gegenüber klagte, dass die
seit Jahren nicht mehr erneuerten Livreen der Kutscher bereits in einem solch erbärmli-
76 „A questi quattro portaseggiole è stato dato loro tutto il danaro che havranno bisogno fin costà, come
anche si sono pagate le spese che hano fatto da Genova fin qui. L’accordo che è stato fatto con loro in
Genova, è stato che costì siano pagati loro otto scudi il mese a ragione di piastre fiorentine, e le spese del
vitto, per durare fin tanto che alla m[aes]tà s[ua] parrà di servirsene, e che quando siano licenziati,
sia dato loro un vestito per ciascuno, e tanti danari quanti basteranno à potersi ricondurre à Genova,
e v[ostra] s[ignoria] ill[ustrissi]ma potrà darne notizia a quell m[aest]ro di casa di s[ua] m[aes]tà
che havrà da haver cura di loro. E per ogni caso, io le mando copia dell’obbligo, ch’essi hanno fatto in
Genova per venire a cotesto servitio. Vogliono ben loro altezze, che quando saranno licenziati, se v[os-
tra] s[ignoria] ill[ustrissi]ma sentisse, che si dolissero, che non fossero forse stati dati loro tanti danari
da potersi commodam[en]te condurre a casa loro, e che in effetto ella riscontri, che habbino qualche
ragione, in tal caso supplisca con quel più che le paresse conveniente, acciò non habbino occasione di
partirsene mal sodisfatti. Et il medesimo vogliono che ella faccia ancora, caso che essi si lamentassero, o di
non ricevere le loro paghe à i debiti tempi, è che non fosse dato lor tanto, quanto si è stato promesso loro
in Genova, ma faccialo segretamente, acciò s[ua] m[aest]à et i suoi offiziali non se ne tenessero offesi.“
Curzio Picchena an Giuliano de’ Medici, Florenz 1615 Mai 10, ASF, MdP, filza 4954, unpag.
77 Pietro Ventorini an Giuliano de’ Medici, Prag 1615 Juni 2, ASF, MdP, filza 4368, unfol; Giuliano de’
Medici an Großherzog Cosimo II de’ Medici, Wien 1615 Juni 22, ebenda.
78 Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Juni 22, ASF, MdP, filza 4368, unpag.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918