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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
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230 Mario Döberl chen Zustand seien, dass diese „vast nackhet und bloß daher gehen“ und bei öffentlichen Auftritten mit ihren „zerrißen, zerflickt und villfärbigen klaidern“ großen Spott auf sich ziehen würden.79 Die großen finanziellen Engpässe veranlassten den Kaiser damals dazu, eine Hofreform einzuleiten, die schließlich im Bereich des Marstalls zu einer Reduktion des Pferdestandes auf knapp 200 Tiere und zur Entlassung von Stallpersonal führen soll- te.80 Das den vier Sesselträgern wiederholt gegebene Versprechen des toskanischen Botschaf- ters, für eine entsprechende Bezahlung zu sorgen, sollten sie diese nicht vom Kaiserhof erhalten, beruhigte die vier Genuesen aber schließlich und bewegte sie sogar dazu, ihre Abreise vom Kaiserhof absichtlich hinauszuzögern. Nachdem auch der kaiserliche Oberst- stallmeister auf Nachfrage von ihnen erfahren hatte, dass der toskanische Botschafter im Falle einer zu geringen Entlohnung seitens des Hofes mit eigenem Geld einspringen würde, sah auch er – zum Ärger des Botschafters – keinen Grund mehr, die vier Männer vorzeitig nach Genua zurückzuschicken.81 Die Illusion, Kaiserin Anna sei in anderen Umständen, blieb noch über den gesamten Sommer des Jahres 1615 am Leben. Da die Kaiserin damals von korpulenter Statur war,82 wurde allgemein angenommen, dass die nicht erkennbaren schwangerschaftstypischen Rundungen in Annas beachtlicher Leibesfülle aufgingen. Zudem stimmten Verhärtungen in der Bauchgegend sowie Bewegungen, die sie in ihrem Leib zu verspüren glaubte, sie und den Kaiserhof weiterhin zuversichtlich, dass sie in Kürze ein Kind zur Welt bringen würde.83 Noch Anfang Oktober, als auch die letzten Hoffnungen auf eine Gravidität lang- sam im Begriffe waren zu schwinden, ließ sich die Kaiserin von den vier Sesselträgern in ihrem Tragsessel transportieren.84 Etwa zwei Wochen später war es schließlich zur end- gültigen Gewissheit geworden, dass die Kaiserin doch kein Kind erwartete. Anna Caterina 79 Oberststallmeister Maximilian von Liechtenstein an Kaiser Matthias, 1616 Oktober 4, ÖStA, FHKA, NÖHA, W 61/a/3, Fasz. „Stallmeister“, fol. 431r. Bereits am 16. Dezember 1615 hatte der Oberststallmeister eine entsprechende Klage der Kutscher an den Kaiser weitergeleitet. Ebenda, fol. 418r. 80 ÖStA, FHKA, Hoffinanz Österreich, Bd. 657, fol. 378r (1614 September 22); ebenda, Bd. 663, fol. 2v (1615 Januar 15); ÖStA, HHStA, HA, Hofakten des Ministeriums des Innern, K. 14, Konv. „1600–1649“, unfol. (Prag 1615 November 26). 81 Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Juli 6, ASF, MdP, filza 4368, unpag. 82 Vgl. Anm. 66. 83 Claudio Sorina an Ferdinando Gonzaga, Herzog von Mantua, Prag 1615 September 28, Venturini 2002 (wie Anm. 51), S. 623. 84 „Per conto di quei porta segiole ho differito di fare l’uffizio che scrissi a v[ostra] s[ignoria] la settimana passata, perche in questa settimana che sono stati bellissimi tempi, l’imperatrice s’è servita di loro piu che mai; intanto ancora dovranno spirare l’ultime speranze del parto.“ Giuliano de’ Medici an Curzio Picchena, Prag 1615 Oktober 5, ASF, MdP, filza 4368, unpag. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Titel
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Untertitel
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Autor
Mario Döberl
Herausgeber
Alejandro López Álvarez
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Abmessungen
17.5 x 24.7 cm
Seiten
432
Kategorien
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