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238 Mario Döberl
Braut zuweilen auch Fahrzeuge aus dem Ausland an den Hof ihres Gemahls mit. Derartige
Vorgänge lassen sich auch rund um die Hochzeit der spanischen Infantin Maria Anna
(1606–1646) mit Ferdinand III. (1608–1657)104 beobachten. Die Infantin reiste 1630/31
nach Wien,105 um mit dem Sohn des damals regierenden Kaisers Ferdinand II. den Bund
der Ehe zu schließen. Bereits knapp zwei Jahre vor der von langer Hand geplanten Ver-
mählung hatte man am Wiener Hof damit begonnen, sich mit zahlreichen neuen Fahr-
zeugen für das bevorstehende Fest auszurüsten.106 Eine etwaige Anschaffung von neuen
Tragsesseln ist dabei jedoch nicht überliefert. Allerdings benutzte Maria Anna auf ihrer
Brautreise von Spanien nach Wien selbst immer wieder Tragsessel,107 die ihr fallweise un-
terwegs zur Verfügung gestellt oder aber auch geschenkweise überlassen wurden. Franz
Christoph von Khevenhüller berichtete etwa, dass ihr am 7. Januar 1631 beim Eintreffen
im römischen Herrschaftsgebiet ein päpstlicher Nuntius im Namen des Kardinalnepoten
Francesco Barberini eine vollständige Garnitur verschiedenartiger Transportmittel als Ge-
schenk überreichte. Es handelte sich dabei um einen sechsspännigen Wagen samt Zug-
tieren, eine rotsamtene Sänfte mit goldenen Borten, venezianischen Spiegelgläsern und
drei weißen Trageseln sowie um einen Tragsessel, der ähnlich der Sänfte gestaltet war.108
104 Zu Ferdinand III. siehe vor allem Lothar Höbelt, Ferdinand III. Friedenskaiser wider Willen
(Graz 2008); Mark Hengerer, Kaiser Ferdinand III. (1608–1657). Eine Biographie (Veröffent-
lichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 107, Wien/Köln/Weimar 2012).
105 Zur Brautreise siehe am umfassendsten Claudia Ham, Die verkauften Bräute. Studien zu den
Hochzeiten zwischen österreichischen und spanischen Habsburgern im 17. Jahrhundert, 2 Bde.
(ungedr. Dissertation, Universität Wien 1995), Bd. 1, S. 74–143.
106 Zur Erneuerung des Fuhrparks anlässlich der Hochzeit von 1631 siehe: Toskanischer Botschafter
Niccolò Sacchetti, Wien 1629 April 25, ASF, MdP, filza 4382, unfol.; ÖStA, FHKA, Hoffinanz
Österreich, Bd. 729, fol. 169r (1629 April 27) und Bd. 731, fol. 413v (1629 August 9); ÖStA, FHKA,
NÖHA, K. 773, fol. 1035r (1629 März 7), fol. 1039–1046 (1629 August 3), fol. 1047r (1629 August
7), fol. 1090v (1630 März 6); ÖStA, FHKA, NÖHA, K. 774, fol. 1157–1175 (1631 April 25); ÖStA,
FHKA, NÖHA, K. 775, fol. 46–55 (undat., aber 1631).
107 Khevenhüller 1721–1726 (wie Anm. 61), Bd. 11, Sp. 959 f., 1487, 1499, 1501.
108 Ebenda, Bd. 11, Sp. 1487. Der kostspielige Brauch, einen Wagen, eine Sänfte und einen Tragsessel
zusammen als Ensemble zu schenken, lässt sich für das 17. Jahrhundert mehrfach belegen. Im
Jahr 1633 ließ Manuel de Acevedo y Zúñiga, damals Vizekönig von Neapel, dem erst vierjährigen
spanischen Infanten Baltasar Carlos drei derartige, alle mit grünem goldbesticktem Samt ausge-
stattete Prunkvehikel, deren Gesamtwert auf 20.000 Scudi geschätzt wurde, als Präsent übergeben.
Francesco di Giovanni de’ Medici an Andrea di Giovanni Battista Cioli, Madrid 1633 Dezember 17
und 24, ASF, MdP, filza 4959, fol. 1066, 1074. Zit. nach der Internetplattform „The Medici Archive
Project“. Papst Alexander VII. machte der zum Katholizismus konvertierten Christina von Schwe-
den für deren Einzug in Rom im Jahr 1655 ebenfalls ein derartiges Ensemble zum Geschenk. Es
wurde von Gian Lorenzo Bernini entworfen und bestand aus einem Wagen, einer Sänfte, einem
Tragsessel und einem Pferd samt allem erdenklichen Zubehör. Galeazzo Gualdo Priorato, His-
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918