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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 247
Maria Amalia (1700)162, wurden bei ihren jeweiligen Taufen von der Großmutter der Kin-
der, Benedicta Henriette von der Pfalz, beziehungsweise vom königlichen Obersthofmeis-
ter, Fürst Salm, zur Taufe in die Ritterstube und von dort wieder zurück in das Zimmer
transportiert. Auch hier kamen laut den relativ ausführlichen Taufbeschreibungen keine
Tragsessel zum Einsatz.
Erst im Jahr 1716, also rund ein Dreivierteljahrhundert nachdem im Rahmen des Tauf-
zeremoniells am Kaiserhof zuletzt ein Tragsessel Verwendung gefunden hatte, ist erneut
der Einsatz eines Tragevehikels bei einer kaiserlichen Tauffeier dokumentiert.163 Die Aja
ging bei dieser Taufe zu Fuß, wobei sie Erzherzog Leopold Johann, das erstgeborene Kind
von Kaiser Karl VI. und seiner Frau Elisabeth Christine, auf ihren Armen hielt und von
der Retirade bis zur Ratsstube trug. Bei der Ratsstube angelangt, übergab sie das neugebo-
rene Kind dem kaiserlichen Obersthofmeister, welcher es anschließend zum in der Ritter-
stube vorbereiteten Altar brachte. Nachdem die Taufzeremonie vollzogen und – was im
Fall Leopold Johanns eine Ausnahme war – der kleine Erzherzog als erstgeborener Sohn
auch gleich in aller Feierlichkeit in den Vliesorden aufgenommen worden war, übernahm
die Aja in der Ratsstube das Kind wieder aus den Armen des Obersthofmeisters und trug
es in das Schlafzimmer der Kaiserin, wo das Neugeborene den Segen seiner Eltern er-
hielt. Erst im Anschluss daran kam ein Tragsessel zum Einsatz, denn nun setzte sich die
Aja in einen Tragsessel, nahm das Kind auf ihren Schoß und brachte es auf diese Weise in
Begleitung des zu Fuß schreitenden Obersthofmeisters und anderer Hofwürdenträger in
das erzherzogliche Kinderzimmer. Die Taufzeremonie von 1716 sollte für die nächstfolgen-
den Taufen Vorbildwirkung haben. Genau entsprechend der Zeremonie von 1716 wurde
nämlich auch der Ablauf der Tauffeiern von Leopold Johanns Schwestern Maria Theresia
(1717)164, Maria Anna (1718)165 und Maria Amalia (1724)166 gestaltet. Auch bei diesen Feier-
lichkeiten wurde stets am Ende der Feier, als die bereits getauften Kinder von ihrer Aja
vom Schlafzimmer der Kaiserin in das erzherzogliche Kinderzimmer gebracht wurden, ein
Tragsessel verwendet.
Das Taufzeremoniell unterlag jedoch auch danach weiterhin Modifikationen. So wer-
den in den Beschreibungen der in Wien vollzogenen Tauffeiern der ältesten vier Kinder167
des späteren Kaisers Franz I. Stephan und seiner Gemahlin Maria Theresia, nämlich Maria
162 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 6, fol. 164r–167r.
163 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 9, fol. 92r–113v.
164 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 10, fol. 39r–44r.
165 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 10, fol. 164r–171v.
166 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 12, fol. 392r–397v.
167 Die Taufbeschreibungen der jüngeren, zwischen 1742 und 1756 geborenen Kinder des Kaiserpaares
wurden für die vorliegende Arbeit nicht durchgesehen.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918