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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren - Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Seite - 250 -
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250 Mario Döberl gang nicht wie üblich in der Hofkirche bei den Augustinern zelebriert, sondern in priva- tem Rahmen in der kaiserlichen Kammerkapelle. Bei der Beschreibung dieser Zeremonie ist kein Tragsessel erwähnt.186 Ungewöhnlich war auch der Hervorgang nach der Geburt von Maria Margaretha (1690)187, dem jüngsten Kind von Kaiser Leopold I. und seiner dritten und letzten Gemahlin Eleonore Magdalene, denn dabei ließ sich die Kaiserin selbst und nicht, wie sonst üblich, die Aja in einem Tragsessel zur Augustinerkirche bringen, wo Mutter und Kind vom Wiener Bischof gesegnet wurden. Die Beschreibungen der Hervorgänge nach den Geburten der drei Kinder des späteren Kaisers Joseph I. und seiner Gemahlin Amalia Wilhelmine lassen hinsichtlich der Ver- wendung von Tragsesseln keine einheitliche Linie erkennen. Während die beiden Töchter Maria Josepha (1700)188 und Maria Amalia (1700)189 nach dem bereits erwähnten Vorbild von 1667 von der Aja in einem Tragsessel zur Loretokapelle der Augustinerkirche gebracht wurden, war beim Hervorgang nach der Geburt von Leopold Joseph (1700)190 offenbar kein Tragsessel im Einsatz. Möglicherweise stand das Fehlen eines Tragsessels bei letzterem Ereignis in Zusammenhang mit einem reduzierten zeremoniellen Aufwand infolge der Hoftrauer, die damals anlässlich des Ablebens des spanischen Königs Karl II. ausgerufen worden war. Diese Hoftrauer führte auch dazu, dass die am Kaiserhof residierenden Bot- schafter damals nicht, wie sonst üblich, zur Hervorsegnung geladen wurden.191 Einheitlicher war das Zeremoniell bei den Hervorgängen nach den Geburten der vier Kinder von Kaiser Karl VI. und Kaiserin Elisabeth Christine, Leopold Johann (1716)192, der späteren Kaiserin Maria Theresia (1717)193, Maria Anna (1718)194 und Maria Amalia (1724)195. Bei allen vier Hervorgängen hielt die in einem Tragsessel sitzende Aja die Neu- geborenen nach dem Vorbild von 1667 auf ihrem Schoß und brachte sie auf diese Weise von den kaiserlichen Gemächern bis zur Augustinerkirche und nach der dort vollzogenen Zeremonie wieder zurück. 186 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3, S. 167v–168v. 187 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4, fol. 575r–v. 188 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 6, fol. 1v–5r. 189 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 6, fol. 168v–170v. 190 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 6, fol. 101r–102v. 191 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 6, fol. 101r. 192 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 9, fol. 149r–156r. Dieser Hervorgang ist auch im „Theatrum Europaeum“ ausführlich beschrieben. Dabei wird erwähnt, dass die Aja in „einem sehr kostbaren Kayserli- chen roth-sammeten und mit Gold gezierten Sessel, […] von 6. Kayserl. Sessel-Trägern getragen“ wurde. Theatrum Europaeum, Bd. 21 (Frankfurt a. M. 1738), S. 92. 193 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 10, fol. 55v–59r. 194 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 10, fol. 176v–183v. 195 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 12, fol. 403r–407v. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Titel
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Untertitel
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
Autor
Mario Döberl
Herausgeber
Alejandro López Álvarez
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20966-9
Abmessungen
17.5 x 24.7 cm
Seiten
432
Kategorien
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