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um. So verloren etwa alle sechzehn kaiserlichen Sesselträger mit 30. Juni 1657 ihre bishe-
rige Stelle.234 Sie wurden allerdings nicht, wie dies Harrach angedacht hatte, im Hofstaat
der Kaiserin-Witwe mit einem Posten versorgt, denn diese forderte aus dem Hofmarstall
zwar zahlreiche Wagen, Sänften, Pferde und Maultiere sowie verschiedenes Stallpersonal
an, aber keinerlei Tragsessel oder Sesselträger, für die sie offenbar selbst ebenfalls keine
Verwendung hatte.235 So fand die Geschichte der Tragsessel und kaiserlichen Sesselträger,
die 1657 bereits eine über dreißig Jahre lange, ungebrochene Tradition aufwies, vorläufig
ein abruptes Ende.
2 9 Tragsessel am Hof Kaiser Leopolds I (1657–1705)
In den ersten Regierungsjahren Leopolds I.236 machte am Kaiserhof allem Anschein nach
weder der Monarch selbst noch einer seiner engsten Verwandten Gebrauch von Tragses-
seln.237 Auch lassen sich für jene Jahre keine Sesselträger im kaiserlichen Hofstaat nachwei-
sen.238 Die Tragsessel des Hofes lagerten damals wohl unbenutzt in einem der kaiserlichen
maisten frembte, […].“ Oberststallmeister Franz Albrecht Graf Harrach an Leopold I., undatiert
(aber in den Monaten April, Mai oder Juni 1657), ÖStA, HHStA, HA, Familienakten, K. 101,
Konv. „Berichte des Oberststallmeisters Franz Albrecht von Harrach.“, fol. 3r.
234 ÖStA, HHStA, OMeA, SR, Bd. 186, fol. 184v–187r.
235 ÖStA, HHStA, HA, Familienakten, K. 101, Konv. „Berichte des Oberststallmeisters Franz Alb-
recht von Harrach.“, fol. 7–14. Zwei spätere Hofstaatsverzeichnisse der Kaiserin-Witwe von 1675
und 1678 beinhalten zwar eine große Zahl an Marstallsdienern, führen aber keine Sesselträger an.
Erst gegen Ende ihres Lebens wurden offenbar Sesselträger in ihren Hofstaat integriert, denn unter
den Hofdienern, die zum Zeitpunkt ihres Ablebens im Jahr 1686 Dienst versahen, befanden sich
auch sechs Sesselträger. Siehe dazu die Tabelle in Kapitel 6.3.
236 Zu diesem Monarchen siehe unter anderem John P. Spielman, Leopold I. Zur Macht nicht ge-
boren (Graz/Wien/Köln 1981); Rouven Pons, „Wo der gekrönte Löw hat seinen Kayser-Sitz.“
Herrschaftsrepräsentation am Wiener Kaiserhof zur Zeit Leopolds I. (Deutsche Hochschulschrif-
ten 1195, Egelsbach/Frankfurt a. M./München/New York 2001); Friedrich Polleross, „Pro decore
Majestatis“. Zur Repräsentation Kaiser Leopolds I. in Architektur, Bildender und Angewandter
Kunst. In: Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien 4/5 (2002/2003), S. 191–295; Jutta
Schumann, Die andere Sonne. Kaiserbild und Medienstrategien im Zeitalter Leopolds I. (Collo-
quia Augustana 17, Berlin 2003).
237 Die kaiserlichen Zeremonialprotokolle erwähnen für den Zeitraum zwischen dem Regierungsan-
tritt Leopolds I. im Jahr 1657 und der ersten Hochzeit des Monarchen im Jahr 1666 keine einzige
Verwendung von Tragsesseln durch Mitglieder der Kaiserfamilie. Vgl. ÖStA, HHStA, ZA, Prot.
1–2. Gleiches gilt für die Berichte venezianischer Gesandter am Kaiserhof. Vgl. ÖStA, HHStA,
Venedig, DdG, Bd. 109–131bis.
238 Vgl. dazu die Kapitel 2.8 und 6.3.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Titel
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Untertitel
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Autor
- Mario Döberl
- Herausgeber
- Alejandro López Álvarez
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918