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Versuche der Horizonterweiterung 317
6. debaTTe um idenTiTäTen
Im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft behandelt der vor-
liegende Beitrag theoriegeleitet, kontextorientiert und historisierend die Zeitschrift
Die Karpathen,113 die dank ihrer Verbreitung erinnerungskulturelle Funktionen
übernehmen konnte, so z.B. die Herausbildung und Vorstellung von vergangenen
Lebenswelten, die Vermittlung von Geschichtsbildern, die Aushandlung von Iden-
titäten sowie die Reflexion über Probleme des kollektiven Gedächtnisses.
Die Zeitschrift ist, was die Identitäts- und Alteritätskonstruktionen angeht, auch
durch die breite Skala der Textsorten, zu denen die selektiven visuellen Darstel-
lungen hinzukommen, und durch die widergespiegelten Debatten eine besonders
relevante Quelle für imagologische Untersuchungen. Die Zeitschrift sucht nicht al-
lein Grenzen zwischen dargestellten ›Gruppenidentitäten‹ zu fokussieren, sondern
skizziert stellenweise auch wechselseitige Durchdringungen, die transkulturelle
Elemente aufweisen (siehe z.B. den Gebrauch von Wörtern und Begriffen aus dem
Ungarischen und Rumänischen). Identitäts- und Alteritätsvorstellungen werden,
wie an einigen obigen Beispielen gezeigt, nicht immer – jedoch überwiegend –
dichotomisch betrachtet, sodass über Transkulturalität im Sinne von Wolfgang
Welsch114 bezüglich der Karpathen im Allgemeinen nicht gesprochen werden kann.
Das siebenbürgisch-sächsische Selbstbild präsentiert sich im Sinne eines grup-
pistischen Ansatzes, sodass das Kollektiv im Vordergrund steht und aus der eigenen
(Wir-)Perspektive dargestellt wird. Reflexionen der anderen fehlen. Die Aushand-
lung der sächsischen Identität im Spannungsfeld zwischen Modernisierung und
Tradition scheiterte angesichts der nationalistischen Tendenzen. Konradt spricht in
dieser Hinsicht nach den ersten Jahren der Zeitschrift von einer »Verlagerung von
künstlerischen zu heimatlichen Gesichtspunkten«.115
[Ab] dem 3. Erscheinungsjahr leitet Meschendörfer einen geistigen Richtungswechsel der
»Karpathen« ein, indem er erst vereinzelte, dann zusehends mehr Beiträge akzeptiert, die na-
tionalistische Denkansätze verraten; in seinen eigenen Aufsätzen hingegen bemüht er sich
um die Einhaltung eines Mittelweges, den gutgläubige Leser auch für objektiv und neutral
halten können.116
Konradts Fazit, dass ab 1909 Die Karpathen die nationale Toleranz aufgegeben hät-
ten,117 scheint im Licht der obigen Ausführungen die Relevanz der unbestritten
verstärkt nationalistischen Töne retrospektiv zu bewerten. Die Identitätskonstruk-
tionen weisen schon zu Beginn eindeutig nationalistische Nuancen auf, die jedoch
mit Offenheit bezüglich der anderen Nationalitäten gepaart sind. Das Interesse an
den Anderen ist in den literarischen Texten der ersten Jahre besonders stark aus-
113 | Vgl. dazu einführend u.a. Erll, Astrid/Gymnich, Marion/Nünning, Ansgar (Hg.): Litera-
tur – Erinnerung – Identität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Trier: WVT 2003.
114 | Vgl. u.a. Welsch, Wolfgang: Was ist eigentlich Transkulturalität? In: Darowska, Lucy-
na/Machold, Claudia (Hg.): Hochschule als transkultureller Raum? Beiträge zu Kultur, Bil-
dung und Differenz. Bielefeld: transcript 2009, S. 39-66.
115 | Konradt: Zwischen Moderne und Tradition, S. 169.
116 | Ebd., S. 175.
117 | Vgl. ebd., S. 205.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur