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Anachronistinnen 353
geschrift«40 positioniert, dabei aber – ohne dies als Kritik zu formulieren – letztlich
nur das schicksalhaft Unveränderliche vor Augen führt:
Diese Schriften sind düster, aber immer wieder glänzt an ihnen das Email der Heiterkeit, je-
ner Heiterkeit, die aus den in Teile zerfallenen kleinen Anstrengungen der im Leben tobenden
Energien, aus dem Lebensatem der kleinen Menschen und der verzerrten Poesie der Armut
einen Regenbogen webt; sie sind gelegentlich erschütternd, wie die ohne Fingierung uns
hingeworfenen Bilder des Lebens jenseits der Paläste, aber nie entmutigend, nicht schwer,
denn aus dieser Materie fühlt man das Fatum der Tausenden vom Schicksal Geschlagenen
einer Weltstadt heraus.41
Diese »verzerrte Poesie« verleihe den »Freuden und Leiden«42 der kämpfenden Ar-
men eine authentische Stimme, so die Mehrheit der Besprechungen, die allein in
den radikalen Zeitungen mit Hinweisen auf die Kriminalität und Verkommenheit
unter diesen »im Zeichen des Todes geborenen«43 Existenzen um ihren einseitig
positiv-prospektiven Gehalt gebracht wird. Wenngleich man bei den Reportagen
von Frau Antal insgesamt als positive Errungenschaft verbuchen kann, dass sie die
Grenzen der Wohltätigkeitsoffensive aufscheinen lassen, ohne jedoch die mögli-
chen Formen des Aktivismus anzudeuten, wurde erst das letzte Reportagebeispiel
aus dem Jahre 1916, der Band Két esztendő. Képek a pesti frontról (Zwei Jahre. Bilder
von der Pester Front) der Journalistin Lydia Kovács (1887–1918), zum Inbegriff des
Dokumentarismus und der Interventionsmacht der Textsorte Reportage, wie es in
einer zeitgenössischen Besprechung über die Sammlung heißt, deren Artikel zu-
erst in der der Sozialdemokratie nahe stehenden, aber gemäßigten Zeitung Magyar-
ország (Ungarn) erschienen sind:
Dieser Kampf findet in den Telegrammen der Kriegspressequartiere keine Erwähnung, nach
dem seligen Frieden werden sich vielleicht ihre albdruckhaften Bilder verschleißen, obzwar
auch diese Bilder des Kampfes, der Selbstaufopferung, der Absage und der Hinnahme des
Elends für die Zukunft bewahrt werden sollten als schmerzhaft herrliches Dokument mensch-
licher Tugenden, der Heldentaten der daheimgebliebenen namenlosen Millionen, Frauen und
Kinder. Lydia Kovács berichtet über diese Kämpfe, über das Leben der mehreren Hundert-
tausenden kleinen Märtyrer der Pester Front, über die Armen, die Arbeiterkinder, über die
nächtlichen Arbeiten und die täglichen Sorgen, dann – um den Gegensatz noch kräftiger
zu gestalten – lässt sie die Herren der neuen Reichtümer vor uns Revue passieren und be-
schreibt ihr verschwenderisches Leben im Luxus in lebhaften Bildern.44
Auch die Nekrologe über die Autorin, die 1918 der spanischen Grippe zum Op-
fer fiel, legen den Akzent auf ihre »frische, unmittelbare Stimme«45 und auf jene
Gesten, mit denen der »Blick maßgebender Faktoren auf Ungerechtigkeiten und
40 | P. ö.: Tul a palotában, S. 2.
41 | NN: Túl a palotákon. In: A Nő és a Társadalom v. 1.11.1912, S. 204.
42 | NN: Tul a palotákon. In: Tolnai Világlapja v. 27.7.1913, S. 51.
43 | NN: Túl a palotákon. In: Világ v. 6.10.1912, S. 15.
44 | NN: A pesti frontról. In: Új Idők v. 10.12.1916, S. 611.
45 | NN: Kovács Lydia. In: Magyarország v. 3.12.1918, S. 8.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur