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»Der heißblütige Dalmatiner« 365
porringen […], während die erschöpften Völker […] ihre kostbarsten Traditionen heldenhaft
beschützen, steht das braune Kind der Haide unter dem goldig blauen Himmel ihrer Länder
[…] und von seinen blühenden Lippen fällt lächelnd und unbekümmert das schwere Wort
»heimatlos«.16
Berks’ Plädoyer für das Nomadentum der Zigeunerinnen und Zigeuner als mo-
derne und pazifizierende Lebensführung steht unter den ausgewählten Texten
zweifelsohne singulär da, aber – was eher verblüfft – auch unter den Texten der Au-
torin selbst, die ihre Auseinandersetzung mit diesen Außenseitern jedweder Ge-
sellschaft ausgesprochen apologetisch in ihre »ethnographische[…] Bilderreihe«17
aufnimmt. Nichtsdestoweniger ist die hier verbürgte Kombination von hegemonia-
ler Zivilisationsbejahung und einer transnationalen ›Naturbelassenheit‹ mit Blick
auf transdifferente Textverfahren aufschlussreich: Transdifferenz ergibt sich hier
gewissermaßen aus dem Aufeinandertreffen von zwei explizit formulierten gesell-
schaftlichen Visionen: Erstens ist es der frauenemanzipatorische Anspruch auf Bil-
dung als Zugang zur Partizipation an sozialem Fortschritt und an dem männlich
bestimmten und hegemonial-christlich sowie habsburgisch universalisierten Zivi-
lisationsprozess. Zweitens ist es die transnationale Programmatik der ›Heimatlo-
sigkeit‹ der Zigeunerinnen und Zigeuner, welche die religiöse Homogenität sowie
den zivilisatorischen Fortschrittsglauben in Frage stellt. Das Nebeneinander dieser
beiden widersprüchlichen Projekte vermag es, am Beispiel von marginalisierten
sozialen und ethnischen Gruppen die überlieferten Kategorisierungen und Grenz-
ziehungen zu relativieren beziehungsweise gegeneinander auszuspielen.
Für Berks erweist sich ein anderes Terrain womöglich als innovativer oder zu-
mindest präsenter, nämlich die in Form von zahlreichen Novellen, Dramen, Dra-
menbearbeitungen und Romanen erfolgende Problematisierung von religions- und
gesellschaftskritischen Dimensionen. Ersteres bezieht sich auf die Spannungen
zwischen Christentum und Islam (auf dem Balkan und in Afrika verortet), die so-
wohl im Umfeld von unteren wie höheren Gesellschaftsschichten insgesamt mit
einem beide Seiten zufriedenstellenden Ergebnis im Sinne der Toleranz ausgetra-
gen werden, während Letzteres, die gesellschaftskritische Orientierung, auf die Eli-
te, die Schicht der Aristokraten und des Geldadels, abzielt und nicht selten in einem
experimentellen Duktus und in der Ich-Perspektive die Flucht vor der europäischen
Zivilisation impliziert. So wird beispielsweise die Herkunftsgeschichte des albani-
schen Gründervaters Iskenderberg in der Erzählung Das goldene Kreuz (1893) als
eine Konstellation geschildert, in der die mütterliche Aufopferung der christlichen
Religion zugunsten des im muslimischen Glauben zu erziehenden Sohnes sowohl
mit einem Betrug (die Mutter muss im Gegenzug als Spionin ›arbeiten‹) als auch
mit dem Siegeszug und der Versöhnungsgeste des Sohnes einhergeht.18 Wie in
Berks’ Schauspiel Muschelkinder (1895) und in ihrem letzten Roman Die Sünderin
(1907) wird in der 1896 publizierten »Plauderei« Mein Mann die gesellschaftliche
Heuchelei bildungsbürgerlicher und aristokratischer Schichten in knappster Form
16 | Ebd., S. 62.
17 | Ebd., S. 56.
18 | Vgl. Čop Marlet, Mara: Das goldene Kreuz. In: Die Dioskuren 22 (1893), S. 5-12, https://
archive.org/stream/diedioskuren06viengoog#page/n14/mode/1up (zuletzt eingesehen am
28.8.2016).
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur