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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Katalin Teller368 Sehnsucht auserkoren wird«,28 ein. Doch der Konjunktiv (»gelesen werden könn- te«) ist m.E. zumindest stellenweise weitgehend angebracht: Michel spricht sich nämlich nicht für ein habsburgisch bestimmtes Zivilisierungsprojekt aus, sondern legt nach einer etwas befremdlichen Begegnung auf einer entlegenen Straße mit einem Haufen von Japanern das folgende Bekenntnis ab: Ich wäre der Letzte, der in die Reichslande Reisende locken wollte nur des bloßen Frem- denverkehrs und seiner landläufigen Vorteile wegen. Im Gegenteil, schon vor vielen Jahren, als das alte Bosnien und die alte Hercegovina von europäischer Kultur noch wenig berührt waren, hätte ich am liebsten an allen Eingängen Tafeln angebracht mit der Aufschrift: Frem- den ist der Eintritt verboten. Dann sah ich aber, daß diesen Ländern eine neue Entwicklung beschieden war und daß diese Entwicklung vor sich ging ohne genügende Rücksicht auf die Eigenart der Länder und ohne hinreichende Schonung des schönen Alten, das man da vor- gefunden hatte.29 Trotz religiöser und sozialer Toleranz, so Michel weiter, seien beispielsweise neben einer Moschee Häuserreihen nach dem Muster von Wiener Arbeitervierteln schlimmer als ein Religionskrieg. Schuld daran würden die von auswärts impor- tierte und angepflanzte Beamtenschaft und die Profitsucht der Investoren tragen, die die architektonisch-künstlerischen Traditionen und die Eigenart des Landes außer Acht ließen. Ein vernünftig organisierter Tourismus könnte dabei positive Auswirkungen haben.30 Michels als pragmatisch-rationalistisch zu bezeichnende Bekenntnis wird allerdings weniger in seinen fiktionalen Texten sichtbar: Hier, wie z.B. in dem mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Roman Die Häuser an der Dzami- ja aus 1915, dominieren nämlich durchgehend romantisierende und sentimentale Topoi, wenn auch mit klug eingesetzten Symbol- und Motivketten angereichert, die beispielsweise die religiöse Toleranz als gottgegebene Anlage der Bewohnerinnen und Bewohner des Balkans ausstellen und diese als naturwüchsig, von der Zivilisa- tion unberührt auftreten lassen.31 Viel einfacher, um nicht zu sagen, naiver gestaltet sich die Vermittlung der Fremd- erfahrung bei Olga Meraviglia(-Crivelli) (1843–1933). Die passionierte Mittelmeer- und Fernostreisende, die »keine slawisch«32 kann, beschränkt sich in den Berich- ten über ihre Ausflüge nach Dalmatien von 1910 und 1913 auf zwei Problemfelder: Erstens moniert sie die infrastrukturelle Rückständigkeit der bereisten Land- und Meeresstriche, in denen die Postsendungen und die Zeitungen – wie der Figaro – nur verspätet und unzuverlässig eintreffen, die telegrafischen Hotelreservierun- gen schleppend vorangehen und in denen die Spaziergänge und Ausflüge wegen schlechter Straßen- und Wetterverhältnisse sowie mangelnder Reiseinformatio- nen in alptraumartige Erfahrungen auszuarten drohen. Denn »Wegweiser oder so etwas dergleichen gibt es natürlich hier nicht, das wäre für den Insulaner viel 28 | Concetti: Muslimische Landschaften, S. xviii. 29 | Michel: Fahrten in den Reichslanden, S. 139. 30 | Vgl. ebd. 31 | Vgl. Michel, Robert: Die Häuser an der Dzamija. Berlin: Fischer 1915. 32 | Meraviglia, Gräfin Olga: Eine Reise nach Dalmatien. Meinen treuen Freunden gewidmet. Graz: Leykam 1913, S. 11.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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