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»Der heißblütige Dalmatiner« 369
zu zivilisiert«.33 Zivilisation wird unverkennbar mit jenen Lebensbedingungen
gleichgesetzt, die Österreich, genauer: das mit hegemonialen Ansprüchen einher-
gehende aristokratisch-adelige Umfeld der Autorin, gewährleistet: »Daß in Ragu-
sa keine Lokalzeitung in einer anderen als der kroatischen Sprache existiert, ist
auch so eine Wohltat des modernen Nationalitätenschwindels.«34 Zweitens ist bei
ihr ein gleichsam manischer Hang zu Vergleichen zu beobachten, wobei die lo-
kalen Spezifiken, die landschaftlichen und architektonischen Gegebenheiten von
Dalmatien und der bereisten Mittelmeerländer gegenüber anderen Ländern und
v.a. Österreich meistens den Kürzeren ziehen. Die Bezugsgrößen in diesen rheto-
risch höchst anspruchslos gestalteten Textpassagen35 sind die aristokratischen und
jetzt unglücklicherweise entbehrten Lebensumstände und die durch die kaiserlich-
königliche Macht legitimierten Erinnerungsorte. So wird neben dem Mangel an
Presseprodukten und Komfort (zu dem sich erstaunlicherweise auch die jeweiligen
Wetterverhältnisse gesellen) etwa ausgeführt, dass das große Kreuz, das als Sobies-
kis Geschenk im Dom von Cattaro/Kotor zu finden sei, »in Wien der Öffentlichkeit
viel zugänglicher wäre als in dem entlegenen Cattaro und sie die historische Er-
innerung mehr an Wien knüpft, da der Name Sobiesky doch für diese Stadt mehr
Bedeutung als für Cattaro hat«.36 Unübersehbar ist der Gestus einer – eine nicht
hinterfragbare historisch-kulturelle Deutungshoheit beanspruchenden – Verein-
nahmung, was sich mit Gabriele Habingers Befund über reisende und schreibende
Österreicherinnen des 19. Jahrhunderts weitgehend deckt, nämlich dass
die Autorinnen die entsprechenden Bilder, Repräsentationsmuster und Stereotype des
orientalisierenden Diskurses aufgriffen und wiederholten, [diesen] bestätigten und ver-
stärkten […]. Sie standen also keineswegs außerhalb des Diskurses, der damit auch nicht
als ein ›männlicher‹ verstanden werden kann.37
33 | Ebd., S. 22. Vgl. auch dies.: Eine Mittelmeerfahrt. Intime Reiseerinnerungen. Graz:
Leykam 1910, S. 7ff. Zu Parallelen mit Hermann Bahrs Dalmatienreise im Kontext des Über-
gangs zwischen Bildungsreise und Massentourismus vgl. Stachel, Peter: Halb-kolonial und
halb-orientalisch? Dalmatien als Reiseziel im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: ders./
Thomsen, Martina (Hg.): Zwischen Exotik und Vertrautem. Zum Tourismus in der Habsburger-
monarchie und ihren Nachfolgestaaten. Bielefeld: transcript 2014, S. 65-100.
34 | Meraviglia: Eine Reise nach Dalmatien, S. 85.
35 | Vgl. beispielsweise den folgenden Ausschnitt aus den in Briefform an einen Baron ver-
fassten Aufzeichnungen: »Auch in die Katakomben der Capuccini wurden wir geführt. Ein
nicht angenehmer Gang in der Finsternis, nicht gut organisiert; man war froh, heil heraus-
gekommen zu sein. Schließlich noch eine Fahrt durch die Stadt, die hell und freundlich ist,
über die schöne Promenade der Arethusaquelle, welche riesig poetisch ist und sich seit zehn
Jahren nicht veränderte, dann zu Tisch ins Grand Hotel.« Meraviglia: Eine Mittelmeerfahrt,
S. 76. Ein wohlwollender Rezensent eines weiteren Reiseberichts der reisenden Meraviglia-
Schwestern (Reiseeindrücke aus Syrien und Jerusalem. Graz: Leykam 1909) nannte diesen
Duktus im Heimgarten eine Erzählung in »schmuckloser schlichter Wahrhaftigkeit«. NN: Rei-
seeindrücke aus Syrien und Jerusalem. In: Heimgarten 34 (1910) 6, S. 477.
36 | Meraviglia: Eine Mittelmeerfahrt, S. 171.
37 | Habinger, Gabriele: Alterität und Identität in den Orient-Berichten österreichischer
Reiseschriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. In: Czarnecka, Mirosława/Ebert, Christa/
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur