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Katalin
Teller370
Der gattungsgeschichtliche Opportunismus von Meraviglia mag jedoch sogar vor
diesem Hintergrund als übertrieben erscheinen.
2. Von den biografien und den genreTradiTionen her …
Man wäre insgesamt versucht, sich darüber zu freuen, dass sich Meraviglia, soweit
dies aus meinen Recherchen hervorgeht, zu keinen belletristischen Bearbeitungen
ihrer Reiseerfahrungen vergriff. Trotz dieser Negativbefunde lassen sich ihre Be-
richte jedoch aus zweifachem Grund und im Zusammenhang mit den zeitgleichen
Aufzeichnungen von Michel und v.a. mit jenen von Adolf Schmal (1872–1919), ge-
nannt Filius, auch produktiv wenden: Sie können nämlich als Auslaufmodelle des
Berichts über Bildungsreisen gelesen werden, gleichsam als Zeugnisse vom Unter-
gang dieser Gattung, die lediglich zwei Grundzüge des Genres zu tradieren versu-
chen und dabei kläglich scheitern: einerseits das Privilegium des aristokratischen
oder später großbürgerlichen Reisens mit Bildungsziel und andererseits die Über-
lieferung von Bildungsinhalten, die hier nunmehr als leere Hülsen erscheinen.38
Der zweite Punkt in Sachen produktiver Lesart wäre, dass diese Aufzeichnungen
bereits mit einem reichen, auch die Autorin miteinbeziehenden Fotomaterial aus-
gestattet sind, auf das sich der Text stellenweise explizit bezieht39 – ein Befund, der
für den letzten meinerseits gesichteten Autor der Zeit gleichermaßen gilt: Adolf
Schmal, ein Ausbund an professionalisiertem Touristen, Motorrad- und Autofah-
rer, erlangte mit seinen europaweiten und die Motoren des jeweiligen Fortbewe-
gungsmittels nicht schonenden Fahrten einen beachtlichen Bekanntheitsgrad auf
deutschsprachigem Gebiet, und zwar nicht zuletzt als Journalist und Redakteur
der Allgemeinen Automobil-Zeitung und als erster österreichischer Olympiasieger
im Radfahren.40 Schmals Bosnien-Bericht aus dem Jahr 1907 zeichnet sich in unse-
rem Kontext dadurch aus, dass er sich explizit als Führer für moderne Autotouris-
tinnen und -touristen definiert,41 das Reisen auf quantifizierbare und pragmatische
Gesichtspunkte herunterbricht und dadurch den Anforderungen des zunehmend
klassenunabhängigen Massentourismus zu entsprechen versucht. Neben geografi-
schen und infrastrukturellen Informationen (Reisezeit, Reisekosten, technischen
Szewczyk, Grażyna Barbara (Hg.): Der weibliche Blick auf den Orient. Reisebeschreibungen
europäischer Frauen im Vergleich. Bern u.a.: Peter Lang 2011, S. 31-60, hier S. 38.
38 | Zur westeuropäischen Tradition der Bildungsreisen vgl. Brilli, Attilio: Als Reisen eine
Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: die »Grand Tour«. Berlin: Wagenbach 2012,
insbesondere S. 11ff; Freller, Thomas: Adlige auf Tour. Die Erfindung der Bildungsreise. Ost-
fildern: Thorbecke 2007; zusammenfassend zur allmählichen Verschiebung des aristokrati-
schen Bildungsreisens zu bürgerlichen, auch medial ausgeprägten Praktiken vgl. Prein, Phi-
lipp: Bürgerliches Reisen im 19. Jahrhundert. Freizeit, Kommunikation und soziale Grenzen.
Münster: Lit 2005, insbesondere S. 254-263.
39 | Vgl. z.B. Meraviglia: Eine Reise nach Dalmatien, S. 132.
40 | Zur Biografie Schmals und dem Veröffentlichungskontext des Berichtes vgl. Samsinger,
Elmar: Einführung zu einer Automobil-Reise am Balkan im Jahr 1907. In: Filius: Eine Auto-
mobil-Reise durch Bosnien, die Hercegovina und Dalmatien. Hg. v. Elmar Samsinger. Wien:
Löcker 2012, S. 7-100.
41 | Vgl. Filius: Eine Automobil-Reise, S. 103.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur