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Katalin
Teller372
nur von Marie Berks, Jahrgang 1859, an Reichweite übertroffen: Berks hatte mit
mehreren Ehemännern (konsekutiv) Livorno, Zagreb, Budapest, Wien, Algir, Graz
und ein Schloss in der Steiermark als Wohnsitze inne.48 Adolf Schmal, der 1919 als
Sportsmann mit 47 Jahren ausgerechnet an einem Herzinfarkt sterben musste,
war Wahlwiener und Fernradfahrer,49 während der 1876 geborene Robert Michel
mütterlicherseits Böhme war und im Laufe seiner Offizierskarriere in Prag, Rijeka/
Fiume, Wien, Innsbruck, Graz, Mostar sowie in der nahe gelegenen Garnisons-
stadt Ljubuški stationiert war, bevor er im Ersten Weltkrieg zu den unterschied-
lichsten Frontabschnitten ziehen durfte.50 Insgesamt fehlt es also in keinem der
Fälle an Fremderfahrung, sei es durch Reisen oder Migration. Was mir aber wich-
tiger erscheint, sind erstens die mitunter gar nicht so feinen Klassenunterschiede
der Reisenden und zweitens neben dem dominanten Interesse die entsprechen-
de Konzipierung des Objekts (d.h. die Lebenswelten Bosnien-Hercegovinas und
Dalmatiens), die Gestaltung der eigenen Erzählposition und v.a. die idealtypische
Vorstellung von der gewählten Gattung mit der konkreten Funktionalisierung der
Gattungscharakteristika.
Die Genrefrage erscheint auch in anderer Hinsicht ausschlaggebend zu sein:
Das gewählte Genre hat innerhalb des Œuvres der jeweiligen Autorin oder des Au-
tors starke Signalwirkung, was den Referenzrahmen von Fremdwahrnehmung,
aber auch von Genderproblematik und Klassenunterschieden betrifft. Nur um bei
einem unserer Beispiele zu bleiben: Marie Berks’ Werk umfasst Dramen, die zum
Teil aus Romanbearbeitungen hervorgegangen sind und die auf die Neuverhand-
lung von Geschlechterrollen und Klassenunterschieden abzielen – dies gilt auch
für ihren bereits erwähnten Roman Die Sünderin, einen eindeutig autobiografisch
inspirierten Text, der das weibliche soziale und kulturelle Außenseitertum (die
Protagonistin ist eine mehrfach verwitwete und geschiedene Frau) mit stellenwei-
se experimenteller Textgestaltung thematisiert. In ihren Novellen wiederum ist
eine tendenzielle Auseinandersetzung mit religiösen und ethnischen Spannungen
zu beobachten, die in den Texten v.a. in Form von Allegorien oder Parabeln ab-
gehandelt werden, während es in den Feuilletons wiederum tendenziell um kul-
turelle Praktiken der Elite beziehungsweise um ihre Ironisierung, und zwar v.a.
der Geschlechterrollen, geht. Ihre Aufsätze, die mit wissenschaftlichem Anspruch
verfasst wurden, lassen sich schließlich als Anknüpfungsversuche an die zeitge-
nössischen volkskundlichen Debatten lesen. All diese Gattungen und Textsorten
bedingen ein jeweils anderes Selbstverständnis und eine andere Diskursform,
nicht ohne des Merkmals der Transgressionen zwischen ihnen zu entbehren,51 und
legen nahe, den zweifelsohne komplexen Entstehungskontext in all seinen Facetten
als prägend zu deuten. Um diese netzwerkartige Konstellation von Faktoren weiter
sowie NN: Eine Erfolgsautorin: Paul Maria Lacroma (1856−1929). In: Kitzmüller, Hans (Hg.):
Görz 1500−1915. Ein vergessenes Kapitel altösterreichischer Dichtung. Klagenfurt: Carin-
thia 1995, S. 46-48.
48 | Vgl. Žura Vrkić: Prva hrvatska etnografkinja.
49 | Vgl. Samsinger: Einführung, S. 9ff.
50 | Vgl. Concetti: Muslimische Landschaften, S. ixff.
51 | Vgl. Neumann, Gerhard/Warning, Rainer: Transgressionen. Literatur als Ethnographie.
In: dies. (Hg.): Transgressionen. Literatur als Ethnographie. Freiburg i.B.: Rombach 2003,
S. 7-16.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur