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Király386
1. DonauKinD
In ihrem ersten autobiografisch geprägten Roman aus dem Jahre 1918 ist Herkunft,
Lebensproblematik wie Lebensweg von Nelly Gritti, delle Grazies literarischem Al-
ter Ego, vielfach mit der detailliert beschriebenen und zugleich symbolisch auf-
geladenen Donaulandschaft verflochten. Im Anfangskapitel wird ihre Familienge-
schichte anhand der phantastischen Gegensätze der Eisernen-Tor-Gegend entfaltet,
im Kapitel »Schwalbenlied« wird über ihre Liebe zum Strom berichtet, das Kapitel
»Weihe« liegt dann dieser Bindung die Geschichte einer vorgeburtlichen Begeben-
heit zugrunde, die Nellys Außenseiterstatus in der Familie eine mythische Begrün-
dung verleiht: Sie wurde der Mutter im Traum von einer Nixe in die Arme gelegt
und gilt nach der Logik dieses Traumes der Nixe zugehörig. Schließlich greift das
Schlusskapitel auf ihren späteren Weg über die Donau nach Wien vor.
Die Donau ist im Roman einerseits der reale Schauplatz von Nelly Grittis Le-
ben, andererseits aber auch jenes symbolische Nirgendwo, in dem die werdende
Dichterin beheimatet ist. Statt der Familie wird ihr das Wasser als symbolischer
Ort ihrer Herkunft zugewiesen. Daher trägt der Roman, der Nellys Entwicklung
zur Dichterin verfolgt, nicht ganz überraschenderweise den Titel Donaukind.
Die werdende Dichterin, die einer unglücklichen Ehe entstammt, ist nicht ein-
fach Kind von Vater und Mutter, sondern in einer mythischen Überhöhung ihres
Wesens ein Kind der Donau (und ein Kind der Wassernixe). Das Geheimnis4 der
eigenen Familiengeschichte erfährt das Kind in Form einer umgekehrten Urszene,
indem sie ein Gespräch unter Frauen belauscht: Die Mutter klagt der Großmutter
ihr Unglück in der Ehe. In einem Traum kurz vor der Niederkunft mit Nelly, den
sie zehn Jahre später ihrer Mutter erzählt, sind die familiären Relationen verschlüs-
selt. Hochschwanger auf dem Schiff nach Weißkirchen einschlafend, träumt es
ihr, dass sie vor Unglück ins Wasser springt. »Aber wie ich im Untergehen bin,
rauscht mir eine nackte Frau aus der Donau entgegen und legt mir ein kleines
Mädchen ans Herz und sagt: ›Nimm’s zurück – ich hol’ mir’s wieder.‹«5
Menschliche Beziehungen werden mithilfe der Figur der Traumnixe kartogra-
fiert. Das außerhalb der festen sozialen Ordnung beheimatete Wasserwesen mar-
kiert soziale Grenzen. Sie erinnert mit dem ans Herz der jungen Frau gelegten
Kind diese an ihre Pflichten und verwehrt ihr die Möglichkeit des Freitodes, erhebt
aber zugleich Anspruch auf das Mädchen – als ein ihr zugehöriges Wesen – und
macht es damit seiner Umgebung fremd.6
Der Anspruch des Wasserwesens auf das Mädchen – dies legt schon der Titel
des Kapitels »Weihe« nahe – bedeutet ein Auserwähltsein, eine über die familiäre
Herkunft hinausgehende neue Identität, darauf weist auch das hierbei verwendete
Bild von den sich auftuenden Toren des Lebens hin.7 Zugleich wird es als eine Ver-
4 | Es wird auch im Roman als Geheimnis bezeichnet, was das Kriterium der Weihe ist. Vgl.
Delle Grazie, Marie Eugenie: Donaukind. Berlin: Ullstein 1918, S. 147; s. auch https://archi
ve.org/details/donaukind00grazgoog (zuletzt eingesehen am 28.8.2016).
5 | Delle Grazie: Donaukind, S. 155.
6 | Nachdem Nelly die Erwachsenen belauscht hat, meint die Großmutter, ihr komme das
Kind »mit einemmal so fremd vor«. Ebd., S. 158.
7 | Einem tat »das Leben wie mit einem einzigen Ruck plötzlich seine Tempelpforten auf […],
daß man weit, weit hineinschauen konnte in seine Geheimnisse«. Ebd., S. 147.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur