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Király392
aus dem Banat nach Wien, wo sie in der Person von Laurenz Müllner,34 im Roman
Laurenz Jilly, einen Unterstützer und väterlichen Freund findet.
Wenn Donaukind die Herkunft der Künstlerin kartografiert, so wird der Roman
Eines Lebens Sterne zu der Chronik jenes kontinuierlichen Bodenverlustes und der
Deklassierung, mit der die Migrationsgeschichte der verwitweten Mutter und ihrer
beiden Kinder aufwartet. Ihr Leben in Wien ist durch ständige Enttäuschungen,
durch den Umzug in immer ärmlichere Wohnungen, durch den Verkauf ihrer mit-
gebrachten Möbel und Gegenstände sowie durch die Erwartung der Mutter, dass
ihre Tochter endlich durch eine Ehe versorgt wird, begleitet.
Zugleich wird Wien aber auch der Ort, an dem Nelly aus den tradierten Fami-
lienrollen herauszutreten vermag. Am Ende des Romans eilt sie in Begleitung ihres
geistigen Mentors Laurenz Jilly zu ihrer Mutter, um ihr ihren Entschluss mitzu-
teilen, ihrem Lehrer zu folgen und fortan nur mehr für ihre Bildung und Dichtung
zu leben.
Ihre Entscheidung, Dichterin zu werden, ist an die Vorstellung der lebenslan-
gen Entsagung gekoppelt; und wird dem Beispiel des priesterlichen Mentors fol-
gend eine durch und durch zölibatäre Angelegenheit. Diese Auffassung ist teils auf
die institutionellen Verhältnisse der Zeit zurückzuführen, teils aber auf ihre Fami-
liengeschichte, wie sie in ihren autobiografisch geprägten Romanen erzählt wird.
Denn die ungleiche Ehe der Eltern war noch von ihrem unglücklichen und lieb-
losen Verhältnis überschattet. Die Mutter hatte den deutlich älteren Vater wegen
seiner hohen gesellschaftlichen Position geheiratet und um sich der Belästigung
durch ihren Stiefvater zu entziehen. Nachdem Nelly im Donaukind ein diesbezüg-
liches Gespräch belauscht hat, identifiziert sie sich mit ihrem Vater und wird in
der relativ einfach zu entschlüsselnden psychologischen Grundkonstellation des
Romans zur geheimen Hüterin der mütterlichen Tugend, sie versucht ihr die Lust
an anderen Männern zu nehmen.
Vielleicht ist dies auch der Grund für die Widersprüchlichkeit von delle Grazies
Nixenmotivik. Durch die mythische Verbindung von Wasser, Tod und Nixe scheint
Nellys Dichtung im Zeichen des Fluvialen zu stehen, doch wird diese Verbindung
durch die dominanten männlichen Rollenvorbilder des Romans Donaukind (und
teils auch seiner Fortsetzung) auch immer wieder in Frage gestellt. Denn mag sie
noch so sehr in ihrem Wesen und in ihren dichterischen Anfängen dem Wasser
zugetan sein, der Roman, der den Strom zu seinem Thema macht, stimmt im
Kampf von Wasser und Stein im Zweifelsfall für das harte Element.
Marie Eugenie delle Grazie gehört zu den einst gefeierten, heute halb vergesse-
nen Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende. Sie wurde zu ihren Lebzeiten hin
und wieder als die bedeutendste österreichische Dichterin ihrer Zeit eingeschätzt
oder auch für ein überragendes literarisches Talent gehalten35 und wurde in Form
34 | Laurenz Müllner (1848−1911) war Priester und Theologieprofessor an der Universi-
tät Wien. Um ihn und seinen Zögling Marie Eugenie delle Grazie versammelte sich in den
1880−1890er Jahren in Wien ein Kreis von Gelehrten und Künstlerinnen und Künstlern.
35 | Vgl. Münz, Bernhard: Marie Eugenie delle Grazie als Dichterin und Denkerin. Mit dem
Portrait der Dichterphilosophin. Wien/Leipzig: Braumüller 1902; Widman, Hans: Marie Eu-
genie delle Grazie. In: Randglossen zur deutschen Literaturgeschichte. Der Literaturbilder 8.
Bändchen [Beitrag 1]. Wien: della Torre [1902].
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur