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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Der tote Fetisch 401 es bei dem exzentrischen Fürsten Fenckh einige primitivistische Exponate, die in einer dekadenten Welt auch für einen gewissen erotischen thrill sorgen: ein paar Eingeborenenköpfe von den ostindischen Inseln […]. Für diese menschlichen Kurio- sitäten zeigte der Fürst eine ausgesprochene Vorliebe; er versäumte nie, sie seinen Gästen, namentlich den Damen, umfänglich zu erklären. Und es ist leicht möglich, daß sie wirklich zu jener hintergründigen Atmosphäre beitrugen, deren besondere noch unbekannte Möglich- keiten sich bei mancher Besucherin mit einem prickelnden Schauer über den Rücken ankün- digten, während ihre Augen den Weg von dem vertrockneten Leichenstück in den mageren brünetten Händen des Fürsten zu seinem nervösen, ein wenig femininen Mund gingen. (S. 8) Es ist charakteristisch für diese adlige Lebensform, dass sie sich aus der Morti- fikation des Lebens ihr Existenzrecht parasitär bestätigt: Aus der Tötung und dem Besitz des Getöteten erwächst eine Macht, die nicht frei von Nekrophilie ist und damit viel über eine angeschlagene Souveränität aussagt. Dies zumindest legt der auktoriale Erzähler nahe, der sich an dieser Stelle einschaltet: ein eher seltener Vorgang in diesem von innerer Rede und personaler Erzählsituation beherrschten Roman, der sich gerne ins Unverbindliche flüchtet und es der Leserin oder dem Leser überlässt, Schlüsse zu ziehen. An dieser Stelle jedoch, wo es um die sonder- baren Vorlieben des Fürsten geht, äußert sich unmissverständlich eine autorita- tive Erzählinstanz: »Mit dem toten Inventar, dessen die Persönlichkeit des Fürsten bedurfte, um zur Geltung zu kommen, war es noch immer gut gegangen; aber die lebendigen Stücke, hauptsächlich zoologische Seltenheiten, die er in einer Art Tierpark hielt, hatten ihm seit je Verdruß und Enttäuschung gebracht.« (Ebd.) Mit anderen Worten: Was tot ist, gefällt, was lebt, muss erst sterben, um gefallen zu können.17 Die Wehrlosigkeit der Objekte eines nekrophilen désirs bestätigt einen Machtanspruch, der vor der Kraft vitaler Objekte versagen muss, wie sich der Fürst gelegentlich selbst eingestehen muss: »Mit einer lähmenden Gewißheit stieg es in ihm auf, daß er über das Lebendige niemals Gewalt haben würde. Ja, man mußte den Dingen das Leben nehmen, damit sie einem völlig zu eigen wurden.« (S.  98) Der Fürst, der auszusterben vergaß, der noch amtierende Vertreter einer histo- risch längst erledigten Spezies, ein lebender Toter, im Grunde ein Zombie, ist der Repräsentant einer Kultur, die längst schon tot ist; aber da er davon nichts wissen will, wurstelt er unverdrossen weiter und ›starrt ins Herbsteln‹ hinaus, als lebe er immer noch in der ›Welt von gestern‹. Das Gegenbild zum schwächlichen, degenerierten Fürsten ist der gewaltige Slova- ke Joschko, der alles das repräsentiert, was dem Fürsten fehlt, ein »baumlang[er] und riesenstark[er] Kuhhirt[...], dem er [der Fürst] auf der Jagd irgendwo in der Tatra begegnet« ist und den er »mit sich genommen« (S.  9) hat – auch er ein Kurio- sum, auf dessen Besitz der Fürst nicht verzichten will: Seither gehörte Joschko […] zum Leibgespann seiner Durchlaucht, und mehr noch als der Bau des Wagens und der Pferde […] kündete der riesige, in die Prunklivree verschnürte Kut- 17 | Vgl. dazu Kastberger, Klaus: Einsam auf dem Floß. Wohin treibt George Saiko. In: Han- sel/ders. (Hg.): George Saiko, S. 9-21, hier S. 13.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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