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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Hans Richard Brittnacher402 scher schon von weitem an, daß dem Wagen jemand entsteigen würde, dessen Originalität ein nicht alltägliches Plus zu den Vorzügen seines Standes bildete. (S. 9) Joschko fungiert als Leibeigener – zuletzt hatte Russland 1861 die Leibeigenschaft abgeschafft, im Burgenland existiert sie offenbar noch 70 Jahre später – mit Ein- verständnis, wohlgemerkt, des Leibeigenen. Denn so bärenstark Joschko auch ist, so mühelos er mit seiner überwältigenden Körperkraft die in morastigen Straßen- löchern havarierte Kutsche wieder auf festen Grund wuchten kann, so einfältig ist er auch, ein Christophorus mit nur bescheidenen Verstandesfähigkeiten. Sei- ne intellektuellen Defizite gleicht er aus durch Anhänglichkeit gegenüber seinem Herrn, der in diesem Unikum die perfekte Verlängerung seiner selbst erblickt, ein alter ego, das über all die Kraft verfügt, die ihm selbst abgeht, sowohl im Bereich der Leibesstärke als auch der erotischen Potenz: In Wirklichkeit stand es damals bereits so mit dem Fürsten, daß er mit Joschkos Stärke in einer Weise prahlte, wie er es sich mit der eigenen natürlich nicht erlauben dürfte, und immer neue Probestückchen erfand, die Joschko den Gästen gelegentlich vorführen mußte. Dabei unterließ er niemals, auf Joschkos unbedingte Ergebenheit hinzuweisen; und mit einem Lä- cheln, das um so beziehungsvoller wurde, je aufmerksamer die anwesenden Damen zuhör- ten, deutete er an, daß solch ein erstaunlicher Kraftbulle leider zu fortwährenden Fatalitäten im Dorf unten Anlaß gebe. Eine bei den schwierigen politischen Verhältnissen manchmal recht peinliche Situation … zumal die Mägde und Weiber, statt ihm aus dem Weg zu gehen, geradezu … wie gesagt, wenn diese einfache hündische Anhänglichkeit an seinen Herrn nicht wäre … (S. 10) Wie sehr Fürst und Diener, der Jäger und sein Leibeigener, miteinander harmo- nieren, und wie Joschko die Erfolge seines Herrn nicht nur stellvertretend auslebt, sondern diesem auch zu Ersatzbefriedigungen verhilft, zeigt sich an seiner allseits anerkannten Kunst, Rehfiepen zu schnitzen, also Pfeifen, deren Laute die Reh- böcke anlocken, um dem Herrn den ihm so wichtigen Genuss des Abschusses zu ermöglichen: »Er zauberte die stärksten Exemplare vor Alexanders schußbereite Büchse […].« (S.  185) So kann Alexander in Joschko und dank Joschko genießen, was er gerne wäre, sein »allem Zwielicht entrückt[es] Selbst« (S.  186). Auch mit der Gestalt Joschkos greift Saiko auf eine bewährte Figur der habs- burgischen Literatur zurück, nämlich auf den treu ergebenen, herzensguten Die- ner,18 freilich tut Saiko dies auf eine eher desillusionierende Weise, wenn er davon spricht, dass »seine Durchlaucht […] großen Wert auf jenen patriarchalischen Kon- takt mit den Leuten [legte], der die Fabel und Verklärung jeder Vergangenheit ist« (S.  153). Der Roman bekennt sich zwar zu dem analytischen Auftrag, einen Mythos zu dekonstruieren, arbeitet seinerseits jedoch dem Mythos mit seiner Wortwahl zu, 18 | Man denke an den Diener Jacques in Joseph Roths Radetzkymarsch oder an den Theo- dor in Hofmannsthals Der Schwierige. Zum Thema insgesamt vgl. Frenzel, Elisabeth: Der überlegene Bediente. In: dies.: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtli- cher Längsschnitte. Stuttgart: Kröner 62008, S. 37-49.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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