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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Hans Richard Brittnacher404 ten ausgebrütet haben, um eine Ikone betörender, lasterhafter, verderblicher und bewusstloser Weiblichkeit zu konstruieren. Gewiss ist Saiko ein hochreflektierter, geradezu intellektueller Schriftsteller, aber bleibt den panischen Phantasien Otto Weiningers von der Machtübernahme der Frauen22 und dem zeitüblichen Primi- tivismuskonzept, wie es auch noch Sigmund Freud in Totem und Tabu mit seiner Analogisierung des primitiven mit dem neurotischen Denken demonstriert hat, so verhaftet, dass er bedenkenlos das dämonische Porträt einer in primitiven und abergläubischen Vorstellungen befangenen, erotisch unersättlichen Hexe ausphan- tasiert. Zunächst noch erscheint Marischka lediglich als provinzielle Ausprägung eines Wiener ›süßen Mädels‹:23 »Ohne Zweifel war auch Marischka nicht mehr als eine Variante dessen, was der Fürst die Ausflüge in die Urwüchsigkeit des Volkes zu nennen beliebte […].« (S.  37) Bald jedoch zeigt sich, dass sie zudem auch al- les das mitbringt, was die Literatur als den außerordentlichen Reiz zigeunerhafter Schönheit zu behaupten pflegt: dunkle Haut, schwarzes Haar, glühende Augen, v.a. aber eine tierhafte Sinnlichkeit: […] bei Marischkas Farben konnte man ganz gut an einen Raben denken. Es war nämlich der Eindruck einer glänzenden und im Lichte fast pfauenhaft schillernden Schwärze, den man zu- erst mit Marischkas äußerer Erscheinung empfing. Und die war das Weichste und Biegsams- te, das sich ausdenken läßt. Eben eine richtige Zigeunerin, die im Stall geworfen worden ist, beinahe wie das liebe Vieh […]. Vielleicht war es gerade diese rabenhaft blaue Schwärze, die nicht nur das Haar und die Augen Marischkas hatten, sondern sogar die Lippen und auch die Wangen bekamen leicht einen bläulichen Ton, der ein wirkliches Rot gar nicht aufblühen läßt, wie es die Mädchen im Dorf wenigstens eine Zeitlang haben. (S. 38) Hier wird neben den Klischees von der schwarzen Haut und dem elastischen Kör- per auch die von der so genannten Zigeunerforschung kolportierte Anomalie er- wähnt, dass Zigeunerinnen und Zigeuner angeblich nicht erröten können: nicht weil dies unter ihrer dunklen Haut nicht zu bemerken sei, sondern, so die Unter- stellung, weil ihnen eine Kultur der Scham fremd sei.24 Nachdem Marischka ihre erotische Macht über seine Durchlaucht sieben Mo- nate ausgeübt hat, wobei sie immer dreister wurde und sich immer mehr Edel- steine als erotische Entlohnung vom Fürsten erbat, drängt der Bischof Niko, Alex- anders Bruder, Marischka möglichst rasch aus der Nähe des Fürsten zu entfernen, zumal sich auf dem Nachbargut die Aristokratin Marie Tremblaye niedergelassen hat, die durchaus als mögliche und v.a. standesgemäße Verbindung in Frage käme. Alexander, der widerwillig den Ratschlägen seines klugen Bruders folgt, beschließt daher, Marischka mit Joschko zu verheiraten: Während dieser in seiner Einfalt das Angebot unwillig, aber folgsam annimmt, empfindet Marischka ihre Verstoßung in einer Mischung aus heißblütiger Eifersucht und berechnender Habgier »als ein Abgetanwerden […], als Verstoßung und Verzicht auf alle die Steine, die sie nun nie mehr würde haben dürfen« (S.  91). 22 | Alfred Doppler freilich verweist darauf, dass die Gestaltung der Marie Tremblaye Saikos Abstand zu Weiningers Frauenbild verdeutliche. Vgl. Doppler: George Saiko, S. 255. 23 | Zum Konzept des süßen Mädels vgl. Wiltschnigg, Elfriede: »Das Rätsel Weib«. Das Bild der Frau in Wien um 1900. Berlin: Reimer 2001, S. 269-272. 24 | Vgl. dazu Brittnacher: Leben auf der Grenze, S. 93-124.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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