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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Der tote Fetisch 405 Marischka sinnt, auch dies ein populäres antiziganistisches Klischee, wie die heißblütigen Brüder und Schwestern ihres Stammes, auf Rache für die ihr zuge- fügte Kränkung. Von Imre, dem flinken und heimtückischen Diener des Fürsten, der die sinnliche Marischka schon lange begehrt, lässt sie sich als Gegenleistung für erwiesene erotische Gefälligkeiten aus den Gemächern des Fürsten eine Puppe besorgen. An diesem Double des Fürsten, einer silbernen Puppe mit dem anspie- lungsreichen Namen Eugen, wie der edle Ritter, der Held des sechsten österreichi- schen Türkenkriegs, übt sie animistische Praktiken aus, beschwert seine Sexual- organe mit Steinen, um so die Beziehung zwischen Alexander und der gräflichen Nachbarin, der verhassten Gegenspielerin, zu verhexen: »Marischka ist sehr er- fahren in der Wissenschaft von den Steinen. Sie weiß, welche Steine krank oder gesund machen, welche das Blut verdorren und die Säfte austrocknen […]. [Z]wi- schen den Schenkeln, macht sie den größten Stein fest, der länglich-rund ist und glanzlos dunkelgelb.« (S.  128) Hier wird deutlich, wie Saiko das Verhalten seiner ›primitiven‹ Zigeunerin in Analogie zu den an einem Fetisch entwickelten All- machtsphantasien eines Neurotikers sieht.25 Da Marischka aber auch die eigen- tümliche Symbiose zwischen Joschko und seinem Herrn erahnt, weiß sie, dass der Unfruchtbarkeitszauber allein nicht hinreicht; will sie den Fürsten wirklich treffen, muss sie Joschko töten, um so den Schutz zu beseitigen, »der von Joschko ausgeht und sich auf Seine Durchlaucht erstreckt« (S.  129). Saikos Roman lässt sich so gesehen auch als Machtkampf Alexanders und Ma- rischkas, eines Aristokraten und einer Primitiven, um den passiven Joschko lesen, der zwischen der Dekadenz des Fürsten und der vorgesellschaftlichen Archaik Marischkas gewissermaßen auf einer mittleren Stufe der Zivilisation steht. Im Laufe dieses Kampfes wächst Joschko empor »zum magischen Symbol, zum Fe- tisch aller versagten Lebenswünsche, zu etwas, das Alexander über alle Vernunft hinaus sich erhalten und an sich fesseln, Marischka aber, um Alexander zu tref- fen, zerstören will«.26 Gemeinsam mit Imre beginnt sie daher, ihren ungeliebten, aber arglosen Ehemann Joschko zu vergiften, um damit den früheren Geliebten auf den Tod zu verletzen. Auch wenn der Organismus des physisch so mächtigen Joschko lange Widerstand leistet, zeigt die systematische Intoxikation allmählich Wirkung. Joschko hat in diesem Roman die Rolle des Opfers. Die mit römischen Ziffern überschriebenen zwölf Kapitel, die ihm unter den insgesamt 34 Kapiteln des Romans zugewiesen sind, stellen die Stationen seines Martyriums dar: Er ist das Lamm, das für die Sünden anderer geopfert wird, er geht seinen Leidensweg stellvertretend für seine Durchlaucht und stirbt schließlich für ihn.27 Der Fürst empfindet das allmähliche Hinschwinden Joschkos als kaum er- träglichen Verlust, der bezeichnenderweise synchron verläuft zum Verfall des aus- gestopften Wisents, in dem sich die Motten eingenistet haben: »[…] es war nur selbstverständlich, daß jetzt, da Joschko ihn verließ, auch die toten Dinge zu Grun- 25 | Zur Deutung dieses Schadenszaubers als animistischer Allmachtsphantasie vgl. Golt- schnigg, Dietmar: Psycho- und sozialanalytische Erzähltechnik in George Saikos Romanen. In: Strelka, Joseph (Hg.): George Saikos magischer Realismus – zum Werk eines unbekannten großen Autors. Bern u.a.: Peter Lang 1990, S. 93-103, hier S. 96. 26 | Saikos Selbstkommentar, zit.n. Haslinger: Nachwort, S. 619. 27 | Vgl. dazu Posthofen, Renate S.: Treibgut. Das vergessene Werk George Saikos. Wien/ Köln/Weimar: Böhlau 1995, S. 90.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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