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Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
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Hans Richard Brittnacher406 de gingen« (S.  251). Das für die österreichische Literatur so wichtige Thema der Bewahrung und Erhaltung erfährt an dieser Stelle eine Wendung ins Groteske: Alexander kommt der bizarre Gedanke, Joschko auszustopfen und an der Stelle des Wisents zu postieren, um sich so seiner ewigen Gegenwart zu vergewissern. Dieser Vorgang ist zunächst aufschlussreich für den Herrschaftsanspruch der Aristokratie, der sich auch über den toten Körper des Dieners erstreckt und diesen über seine geplante Mumifizierung gleichsam doppelt mortifiziert. Erst hat Alex- ander Joschkos Leben aufgebraucht, jetzt konserviert er den Diener zum Schau- stück. Dass es sich hier um eine zwar anachronistische, aber durchaus historisch verbürgte Praxis handelt, nicht um eine phantastische Kapriole des Erzählers Sai- ko, zeigt die Geschichte des Mohren Angelo Soliman, eines im Wien des josephi- nischen Zeitalters zu Ansehen gelangten schwarzafrikanischen Soldaten, der zum Kammerdiener und Gesellschafter aufstieg, als Freund Mozarts und Mitglied einer Freimaurerloge Ansehen und Bekanntheit erlangte, und schließlich nach seinem Ableben auf Anweisung von Joseph II. im Kaiserlichen Naturalienkabinett als halb- nackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette präpariert und ausgestellt wurde. Auch der Bitte seiner Tochter, den Körper für eine christliche Bestattung freizugeben, wurde nicht entsprochen. Der ausgestopfte ›Mohr‹ verbrannte dann im Wiener Oktoberaufstand von 1848.28 Für den Roman indes ist bezeichnend, dass Joschko, nach anfänglichen Be- denken hinsichtlich der Machbarkeit dieser Prozedur, schließlich begeistert dem Vorschlag des Fürsten zustimmt: Joschko, der sich über seinen körperlichen Zu- stand keine Illusionen macht, ist zutiefst unglücklich, weil er seinen Herrn im Stich lassen muss. Dieser aber tröstet ihn: – Du wirst nicht gehen, sagte der Fürst. – Wie soll ich denn anders? sagte Joschko, und zum erstenmal in seinem Leben vergaß er hinzuzufügen: Euer Durchlaucht. – Wir werden dich im Glaskasten bei der Portierloge aufstellen. – Wie denn, Euer Durchlaucht? fragte Joschko ungläubig. – Nun einfach – – so. Wenn man den Wisent aufstellen kann, warum soll man dich nicht aufstellen? Joschko, und das war vielleicht am sonderbarsten, Joschko begriff sofort, trotz seines Zu- standes, worum es sich handelte. – Werd’ ich den grünen Mantel anhaben? Der Fürst nickte. – Und auch den Stab? – Selbstverständlich den Stab. (S. 255) 28 | Ein Autor, der sich diese Bizarrerie nicht entgehen ließ, war Fritz von Herzmanovsky-Or- lando, der an den Vorfall in seinem Stück Apoll von Nichts oder Exzellenzen ausstopfen – ein Unfug, erinnert. Vgl. Herzmanovsky-Orlando, Fritz von: Das Gesamtwerk. Hg. von Friedrich Torberg. München: Georg Müller, Albert Langen 1963, S. 461-486. Vgl. auch Sauer, Walter: Angelo Soliman. Mythos und Wirklichkeit. In: ders. (Hg.): Von Soliman bis Omufuma. Ge- schichte der afrikanischen Diaspora in Österreich im 17.–19. Jahrhundert. Innsbruck/Wien/ Bozen: StudienVerlag 2007, S. 59-96.
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Transdifferenz und Transkulturalität Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Titel
Transdifferenz und Transkulturalität
Untertitel
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Autoren
Alexandra Millner
Katalin Teller
Verlag
transcript Verlag
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-3248-8
Abmessungen
15.4 x 23.9 cm
Seiten
454
Schlagwörter
transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
Kategorie
Kunst und Kultur
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