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Der tote Fetisch 407
Tatsächlich setzt der Fürst seinen Willen durch, fachsimpelt mit Präparatoren über
die Vorzüge von Paraffin- und dermatoplastischen Methoden (vgl. S. 299) und er-
muntert Joschko, sein Äußeres besser zu pflegen, um die Voraussetzungen für ein
ansehnliches Exponat zu schaffen: »Wie siehst du denn aus? Wie soll man es ma-
chen, wenn du die Form verlierst und die Haut wie fleckiges Papier wird?! […] Dich
wird man gründlich ausbessern müssen, ehe man dich wird aufstellen können.«
(S. 305) Der Fürst bringt schließlich auch einen Notar dazu, einen Vertrag aufzu-
setzen, in dem der gerührte Joschko das Einverständnis zu seiner Mumifizierung
erklärt:
Joschko brauchte lange, um seine Rührung niederzukämpfen, und noch als er das Schrift-
stück mit seinem breiten Daumenabdruck versah und es sich nicht nehmen ließ, außerdem
mit eigener Hand drei Kreuze darunter zu malen, flossen ihm die Tränen. […] Dieser Tag zählte
zu den schönsten und größten, die es in dem an Freuden nicht gerade armen Leben Joschkos
gegeben hatte. (S. 374)
Marischka ahnt, dass diese Aufwertung Joschkos ihre Pläne, dem Fürsten zu scha-
den und Joschkos Intimfeind Imre an sich zu binden, vereiteln wird: »Statt dessen
würde Joschko in dem Glaskasten hinter der Portierloge sitzen, über Imre thro-
nend, noch im Tode über Imre […].« (S.
303) Mehr noch, er würde, »in das Nachher
entrückt, lebendig gewissermaßen und doch mit den jenseitigen Kräften der Toten
ausgestattet, […] ihr Dasein bis zum Ende bestimmen und sein Haß und seine Stra-
fe würden Imre und jeden treffen, der sich in ihre Nähe wagte.« (S. 303f.)
Nicht nur die rachsüchtige Marischka, auch die Bauern und Pächter erblicken
in dem Vorhaben der Ausstopfung die unzulässige soziale Beförderung eines Do-
mestiken: Durch seine Verewigung nach dem Tod wird auch er wie der Fürst zu
einem Toten, der lebt – sein bevorstehendes Zombitum erscheint den Bauern als
illegitimer sozialer Aufstieg, der um den Sterbenden eine »Aura von Antipathie«29
verbreitet: »Die Männer gingen zögernd weg, bedrückt und fast mit etwas wie Wut
gegen den Sterbenden, der bereits auf dem Totenbett keiner der ihrigen mehr war,
den man schon jetzt fürchten mußte.« (S. 431)
Um diesen Sieg des Fürsten und seines Leibeigenen zu vereiteln, erstickt Ma-
rischka den schon ganz kraftlosen Joschko unter einem Kissen und entsorgt mit-
hilfe des hörigen Imre die Leiche im Sumpf. An dieser Stelle sind einige Hinweise
zur topografischen Charakterisierung des Personals im Roman angebracht. Wäh-
rend seine Durchlaucht im Gut residiert, während Joschko im tressenbesetzten
Futteral, ein gewaltiger Phallus, die Eingangshalle bewacht, ist der Lebensbereich
der Zigeuner und Zigeunerinnen der Sumpf:30 Hier haust Marischka, hinter noch
29 | Rieder, Heinz: Der magische Realismus. Eine Analyse von »Auf dem Floß« von George
Saiko. Marburg: Elwert 1970, S. 21.
30 | Zum Sumpf als Heterotopie und Biotop des Dritten vgl. Brittnacher, Hans Richard: Zum
Sumpf wird hier die Zeit. Zur Rückkehr riskanter Natur in neueren deutschen Romanen. In:
Hille, Almut/Jambon, Sabine/Meyer, Marita (Hg.): Globalisierung – Natur – Zukunft erzäh-
len. München: Iudicium 2015, S. 164-179; ders.: Zu Grunde gehen in Sumpf, Schlamm und
Fluten. Zur longue durée apokalyptischer Metaphorik. In: Briese, Olaf/Faber, Richard/Po-
dewski, Madleen (Hg.): Aktualität des Apokalyptischen. Zwischen Kulturkritik und Kulturver-
sprechen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015, S. 99-116.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur