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Maren
Ahlzweig412
verläuft und ob überhaupt eine Grenze existiert. Die Auseinandersetzung von Ver-
nunft und Unvernunft erreichte im Zeitalter der Aufklärung einen Höhepunkt.
Vernunft wurde als tragendes Prinzip dieser Epoche über ihr Gegenteil, die Un-
vernunft, definiert. Im 18. Jahrhundert war die Konsequenz dieses Prinzips die
Errichtung erster psychiatrischer Einrichtungen, die die Unvernunft systematisch
aus der Gesellschaft ausschlossen. Erst mit dem Aufkommen der Psychoanalyse
um 1900 und der Antipsychiatriebewegung der 1960er Jahre wurde diese Sichtwei-
se revidiert. Psychische Störungen beziehungsweise Anomalitäten wurden nicht
mehr als Gegensatz zur Vernunft gesehen, sondern man gelangte zur Auffassung,
dass sie durch gesellschaftliche Verhältnisse überhaupt erst entstanden und somit
auch nicht mehr kategorisch aus der Gesellschaft auszuschließen waren.2
In dem Raum Triest ist dem Phänomen von Norm und Abweichung im Zusam-
menhang mit der Psychoanalyse besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden.
Edoardo Weiss (1889–1970), der wohl bekannteste italienische Psychoanalytiker
und Schüler Freuds, machte die Stadt Triest zu einem Zentrum der Psychoanalyse.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete Weiss als Psychoanalytiker in der
1908 eröffneten Triestiner Psychiatrie San Giovanni. Psychoanalytische Konzep-
te wurden besonders auch in der Triestiner Literatur zum Gegenstand gemacht.
Neben Umberto Saba ist hauptsächlich Italo Svevo beziehungsweise sein Roman
Zenos Gewissen (La coscienza di Zeno, 1923) zu nennen. Insgesamt fällt die Intensität
auf, mit der das Thema in der Triestiner Literatur des 20. Jahrhunderts behandelt
wird. Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass die Autorinnen und Autoren Triests
immer wieder psychische Widersprüche thematisieren. Die triestinisch-julische
Gesellschaft zeichnet sich durch ihre Transkulturalität aufgrund ihrer Geschichte
und den damit verbundenen grenzüberschreitenden Denk- und Kulturformen aus,
die in besonderen Maßen literarisch verarbeitet werden (z.B. in der »letteratura di
frontiera«3).
2 | Zur Geschichte der Psychiatrieentstehung und der Psychiatrie als Institution des Aus-
schließens vgl. u.a. Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des
Wahns im Zeitalter der Vernunft [1961]. Übers. v. Ulrich Köppen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
1969.
3 | Das Konzept der »letteratura di frontiera« (dt. Grenzliteratur) wurde um 1900 von Tries-
tiner Schriftstellern entwickelt und diskutiert. Grenzen und Sprachunterschiede sowie Zuge-
hörigkeit und kulturelle Identität waren omnipräsente Thematiken in ihren Texten. Insbeson-
dere Scipio Slataper setzte sich mit den Sprachverhältnissen und Identitätsfragen Triests
auseinander. Das Konzept wurde dann hauptsächlich in den 1960er Jahren aufgegriffen und
u.a. von dem Schriftsteller Fulvio Tomizza weitergedacht. Erstmalig verwendet wurde der Be-
griff aber erst 1960 von Paolo Milano in einer Rezension für die Zeitschrift L’Espresso. Vgl.
hierzu z.B. Guagnini, Elvio: Kulturelle Komponenten und verschiedene ethnische Gruppen
einer Stadt und einer Region: Triest und Friaul-Julisch Venetien. Übers. von Julia Sielaff. In:
Borsò, Vittoria/Brohm, Heike (Hg.): Transkulturation. Literarische und mediale Grenzräume
im deutsch-italienischen Kulturkontakt. Bielefeld: transcript 2007, S. 111-130, hier S. 121.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur