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Identität und Alterität im transkulturellen Raum: das Beispiel Triest 417
eine Null, du bist eine Null …«15. In diesem Moment erinnert sich Abele an die
Machtstrukturen, die er mit der Vaterfigur verbindet, und schlägt Torelli stellver-
tretend für seinen Vater nieder. Am nächsten Tag wird Torelli ermordet aufgefun-
den und Abele als Verdächtigter festgenommen, obwohl dieser den Mord gar nicht
begangen haben kann – er hielt sich zur Tatzeit bei Odette auf, einer Lehrerkolle-
gin, mit der er ein Liebesverhältnis unterhält. Doch sie negiert das Alibi und be-
gründet ihre Falschaussage vor Abele damit, ihm auf diese Weise die Möglichkeit
zu geben, sich seinen Schuldgefühlen zu stellen und den in Gedanken begange-
nen Mord an seinem Vater zu sühnen.16 Der Täter wird kurz darauf gefasst, doch
der Kommissar möchte Abele als Täter verurteilen, weil die Öffentlichkeit Abele
bereits als Täter akzeptiert habe.17 Abele fügt sich seinem Schicksal, um die Mord-
gedanken an seinem Vater zu sühnen, und gesteht die Tat.
Der Roman setzt sich neben dieser weder aufgeklärten noch aufgearbeiteten
Vater-Sohn-Beziehung auch mit anderen zwischenmenschlichen Beziehungen
auseinander. Keine von ihnen verläuft positiv, und Abele leidet unter der Distanz
zu den anderen, die er als unüberwindbare Grenze empfindet. Auch wird er in
letzter Instanz für diese Distanz bestraft: Er wird als Täter vorverurteilt und von
Odette, der einzigen Person, die ihm nahe steht, verraten. Diese Sehnsucht nach
Nähe durchzieht den Roman von Beginn an. Doch immer, wenn sich ihm die Mög-
lichkeit bietet, diese Nähe zu erfahren, z.B. in seiner Liebesbeziehung zu Odette,
zieht er sich zurück und verschanzt sich hinter rationalen Abhandlungen.
Neben diesen psychologischen Komponenten weist der Roman eine starke
Symbolik auf: Symbolhaft trägt Abele beim Schachspiel die Kämpfe gegen seine
Mitmenschen aus, die ihn enttäuschen,18 seine innere Einsamkeit wird immer wie-
der durch Dunkelheit symbolisch untermalt. Die Dunkelheit der Mole, des Hafens,
der Straßen, der Nacht, all dies – so entdeckt er in einem Gespräch im Gefängnis
mit Odette – steht für den inneren Prozess, den Abele durchläuft, um zu sich selbst
zu finden. Am Ende findet er die Einsamkeit in sich und damit auch einen inne-
ren Frieden. Neben diesem Zu-sich-selbst-Finden steht jedoch das gesellschaftliche
Machtgefüge: die Unterdrückung durch hierarchisch ihm übergeordnete Figuren,
15 | Jelinčič, Dušan: Scacco al buio [1995]. Übers. v. Daria Betocchi. Trieste: Hammerle Edi-
tori 2002. In der italienischen Übersetzung heißt es: »Tu sei una nullità, tu sei una nullità, tu
sei una nullità […].« Ebd., S. 103.
16 | So redet Odette auf Abele ein: »Davvero non capisci? Ho dovuto farlo. Tu devi pagare
per la tua colpa! Tutti dobbiamo pagare. Devi accettare la giusta punizione.« Und kurz dar-
auf: »Ancora non capisci? Ognuno ha commesso il proprio crimine… […]. Non è forse la stes-
sa cosa uccidere un uomo davvero o solo dentro di sé? Credi che non sappia che dentro di te
hai ucciso qualcuno già tante volte?« Abele antwortet darauf: »Io però ho ucciso mio padre,
non Torelli…«, woraufhin Odette insistiert: »Ma per te allora Torelli era il padre che perso-
nificava l’eterna colpa che ci opprime. Era di fronte a te e giocava a scacchi, eppure non
era lui, bensì la tua colpa, tuo padre che hai ucciso tante volte, la tua speranza di scontare
l’omicidio da te commesso. Non capisci che le tenebre che cerchi, e che sono le sole a darti
la sensazione di essere vivo, non sono altro che il riflesso di questo delitto? Non è forse vero
che incontri tuo padre solo nell’oscurità e che solo allora divenite consapevoli della vostra
situazione: tu, di averlo ucciso, e lui di essere stato ucciso?« Ebd., S. 129f.
17 | Vgl. ebd., S. 146ff.
18 | Vgl. ebd., S. 100.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur