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Maren
Ahlzweig418
der er sich nicht entziehen kann. Es ist die Bevölkerung, die ihn bereits nach seiner
Festnahme vorverurteilt hat; es ist der Kommissar als Symbol für die staatliche Ge-
walt, der die Macht hätte, ihn freizulassen, dies aber nicht tut, um seinem eigenen
Ansehen nicht zu schaden; es ist der Chefredakteur, der ihn seine Macht in jedem
Moment spüren lässt; und zuletzt der Gedanke an seinen Vater, der der Auslöser
für seine Unfähigkeit zu Nähe ist. Die dunkle Oberfläche des Meeres wird zum
Symbol für das Unbewusste, dem er sich erst im Gefängnis stellen kann. Das Eige-
ne, das Ich des Protagonisten, ist ausschließlich fremdbestimmt; es definiert sich
über die Beurteilungen der Anderen und kann und darf sich erst in der absoluten
Marginalisierung entfalten.
3. pino roVeredos BallanDo con cecilia
Ein weiterer Roman, der sich mit Alteritätskonstruktion im Triestiner Raum be-
fasst, ist Ballando con Cecilia (Mit Cecilia tanzen) von Pino Roveredo. Auch Roveredo
ist Triestiner, seine Muttersprache ist allerdings Italienisch.
Der Protagonist dieses Romans ist ein junger Triestiner, der als Sozialarbei-
ter in die (aufgelöste) Triestiner Psychiatrie San Giovanni geschickt wird, um mit
den dort verbliebenen ehemaligen Patientinnen und Patienten ihren Alltag neu
zu gestalten. Damit greift der Roman eine Thematik auf, die Triest in besonde-
rer Weise betrifft. Triest wurde in den 1970er Jahren durch den Psychiater Franco
Basaglia weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. Die neuen Ansätze einer
Psychiatrie, die im Zuge der Demokratisierung des Faches die Öffnung der Anstalt
zum Ziel setzte, versuchte Basaglia bereits in den 1960er Jahren in Gorizia und
ab 1972 in Triest umzusetzen. Die Bewegung der Demokratischen Psychiatrie, So-
zialpsychiatrie oder Antipsychiatrie stützte sich auf die Erfahrungen aus vorange-
gangenen Experimenten in Europa und den USA, aber auch auf die theoretischen
Arbeiten Michel Foucaults. Die Bewegung sah insbesondere vor, Patientinnen und
Patienten nicht mehr systematisch aus der Gesellschaft auszuschließen, sondern
ihnen ihre Rechte als Individuen und Bürger oder Bürgerinnen zurückzugeben
und damit Alterität nicht mehr auszugrenzen, sondern in die Gesellschaft zu re-
integrieren. Triest zeichnete sich dabei als eines der ersten Experimente ab, in
dem die Psychiatrie komplett geöffnet wurde und Patienten und Patientinnen in
Wohngemeinschaften und Tageszentren untergebracht und betreut wurden. Trotz
der Widerstände konnten diese Reformen in Triest umgesetzt und Alternativen
geschaffen werden. 1978 wurde das Gesetz 180 verabschiedet, das die Öffnung der
Psychiatrien in ganz Italien vorsah.19 Dass die Umsetzung der Psychiatrieöffnung
in Triest in diesem Maß möglich war, führte Basaglia in einem Interview darauf
zurück, dass die Bevölkerung Triests trotz anfänglicher Widerstände die neue Rea-
19 | Vgl. hierzu und zur Vertiefung u.a. Härle, Jürgen: Die demokratische Psychiatrie in Ita-
lien. München: Profil 1988; Jervis, Giovanni: Die offene Institution: über Psychiatrie und Poli-
tik [1977]. Frankfurt a.M.: Syndikat 1979; Basaglia, Franco (Hg.): Die negierte Institution
oder Die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychiatrischen Klinik in
Görz [1968]. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1971.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur