Seite - 424 - in Transdifferenz und Transkulturalität - Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
Bild der Seite - 424 -
Text der Seite - 424 -
Maren
Ahlzweig424
tation erreichen, wenn das Einlassen auf die Verunsicherung neue Denkformen
ermöglicht.51
Foucault hat in seinen Studien aufgezeigt, wie im Laufe der Jahrhunderte die
Gesellschaft ein System der Marginalisierung entwickelt, über das alles Abnorma-
le der Gesellschaft an Orte verbannt wird, die er Heterotopien nennt, z.B. die Psy-
chiatrie oder das Gefängnis.52 Der Marginalisierte ist das Gegenteil der Normali-
tät, er verkörpert den »Anderen«, die Alterität. Gleichzeitig ist er aber eben nicht
nur antithetisch zu verstehen, sondern birgt in seiner Marginalisierung auch die
Normalität (als Teil, als Möglichkeit, als Potenzialität) in sich. Damit steht er dem
konformen Menschen nicht nur gegenüber und fungiert als sein Spiegelbild,53 er
verunsichert als Randfigur in seiner Anormalität die Normalität,54 er stellt Grenzen
in Frage und versetzt die installierte Ordnung in Unruhe,55 da das konforme Indi-
viduum über die Spiegelung auch einen Teil der Marginalisierung in sich bemerkt.
Der Marginalisierte bringt also viele Unsicherheiten und Irritationsmomente mit
sich: Nicht nur, dass ihm eine gewisse Unberechenbarkeit zugeschrieben wird, die
oft in einer Angst vor unbestimmbarer Gefahr mündet, es ist das »fremde«, un-
durchdringliche, unverständliche Verhalten, das ihn zu dem Anderen werden lässt.
Dass das Ich nicht nur Ich ist, sondern sich erst über Fremdzuschreibungen
zu einem Ich entwickelt, ist bereits seit den Anfängen jeglicher Alteritätsdebat-
51 | S. hierzu auch Klaus Lösch mit Blick auf die »Negative Capability« von John Keats:
»Die Erfahrung von Transdifferenz, die hier primär als ontologisch und psychologisch ver-
unsichernd konnotiert ist, lässt sich jedoch auch positiv umwerten und kreativ nutzen […].«
Lösch: Begriff und Phänomen der Transdifferenz, S. 28.
52 | 1967 entwickelte Michel Foucault seine Raumtheorie über utopische und heterotopi-
sche Orte, mit denen er die Psychiatrie in die Reihe geschlossener Räume einreihte. In Von
anderen Räumen erklärt er zunächst, wie im Mittelalter die Klassifizierung einzelner Orte
zu einer Hierarchisierung geführt hat. Durch diese Klassifizierungen entstanden Raumuto-
pien und in der Folge ihre negativen Entsprechungen, die Foucault Heterotopien nennt. Vgl.
Foucault, Michel: Von anderen Räumen. Übers. v. Michael Bischoff. In: Dünne, Jörg/Günzel,
Stephan (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften.
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2006, S. 317-329.
53 | Unter Spiegelbild soll hier ein Gegenbild verstanden werden, das dem Betrachter über
sein Spiegelbild Konstruktionen und Grenzen von Normalität und Alterität sichtbar macht.
Mithilfe des Spiegels erkennt der Betrachter den eigenen alteritären Teil seines Selbst. S.
hierzu auch die Einordnung Foucaults des Spiegels als Utopie, ebd. S. 321: »Im Spiegel sehe
ich mich dort, wo ich nicht bin, in einem irrealen Raum, der virtuell hinter der Oberfläche des
Spiegels liegt. Ich bin, wo ich nicht bin, gleichsam ein Schatten, der mich erst sichtbar für
mich selbst macht und der es mir erlaubt, mich dort zu betrachten, wo ich gar nicht bin: die
Utopie des Spiegels. Aber zugleich handelt es sich um eine Heterotopie, insofern der Spiegel
wirklich existiert und gewissermaßen eine Rückwirkung auf den Ort ausübt, an dem ich mich
befinde. Durch den Spiegel entdecke ich, dass ich nicht an dem Ort bin, an dem ich bin, da
ich mich dort drüben sehe. Durch diesen Blick, der gleichsam tief aus dem virtuellen Raum
hinter dem Spiegel zu mir dringt, kehre ich zu mir selbst zurück, richte meinen Blick wieder
auf mich selbst und sehe mich nun wieder dort, wo ich bin.«
54 | Vgl. Waldenfels, Bernhard: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Frankfurt
a.M.: Suhrkamp 2006, S. 18.
55 | Vgl. ebd., S. 15.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Titel
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Untertitel
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Autoren
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Abmessungen
- 15.4 x 23.9 cm
- Seiten
- 454
- Schlagwörter
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Kategorie
- Kunst und Kultur