Seite - 433 - in Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860 - Aufbruch in eine neue Zeit
Bild der Seite - 433 -
Text der Seite - 433 -
9 SCHLUSS 433
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bild von Thun und den Re-
formen differenzierter gezeichnet, wenngleich auch dann noch eine gewisse
Instrumentalisierung der Person Thuns feststellbar ist. Diese ist besonders
mit dem Namen Richard Meister verbunden.19 Er hob in den 1950er-Jah-
ren Thuns Verdienste um die Verwissenschaftlichung der österreichischen
Universitäten und die Befreiung der Universitäten aus den Zwängen des
Vormärzes hervor und schuf damit einen Anknüpfungspunkt für einen Neu-
anfang nach dem Nationalsozialismus. Thun avancierte so gewissermaßen
zum Humboldt Österreichs und sollte Pate stehen für die Existenz eines ei-
genen österreichischen Universitätsmodells, mit dem man sich von Deutsch-
land abgrenzen konnte. Das (vermeintliche) Eintreten Thuns für Lehr- und
Lernfreiheit wurde gleichzeitig mit der Forderung nach der notwendigen
Autonomie der Universitäten, die nach dem Nationalsozialismus deutlicher
denn je geworden war, verknüpft.20 Erst Hans Lentze hat das Bild Thuns
zu Beginn der 1960er-Jahre differenziert gezeichnet.
Die Strahlkraft Thuns als Ikone war insgesamt aber begrenzt und so ist
Thun anders als Humboldt aus öffentlichen Bildungsdebatten heute weit-
gehend verschwunden. Historische Umbrüche und Reformphasen an den
Universitäten haben zwar immer wieder das Interesse an den Thun’schen
Reformen befeuert, im öffentlichen Diskurs ist Thun indes nicht angekom-
men. Zuletzt verdeutlichten dies die Debatten zur Reorganisation der Uni-
versitäten im Zuge des Bologna-Prozesses sowie die jüngste Protestwelle von
Studierenden an den österreichischen Universitäten im Herbst 2009 (uni
brennt)21. In diesen war lediglich ein Rekurrieren auf die mit Wilhelm von
Humboldt verbundenen Vorstellungen vom Ideal einer Universität erkenn-
bar. Gleichzeitig zeigt sich hier – ähnlich wie bei Thun nach dem Zweiten
Weltkrieg – dass das Bild von Humboldt in der breiteren Wahrnehmung
sehr selektiv ist und vor allem dessen neuhumanistisches Bildungsideal,
nicht aber die auch mit der Reform der preußischen Universitäten verbun-
dene Einführung der Ordinarienuniversität gemeint war: Denn das hätte
19 Vgl. dazu besonders Franz Leander fiLLafer/Johannes feicHtinger, Leo Thun und die
Nachwelt.
20 Vgl. dazu die Debatten um eine unabhängige Forschungsförderung in Österreich in den
1950er-Jahren in Rupert PicHLer/Michael stamPfer/Reinhold Hofer, Forschung, Geld und
Politik. Die staatliche Forschungsförderung in Österreich (= Innovationsmuster in der ös-
terreichischen Wirtschaftsgeschichte 3), Innsbruck, Wien 2007.
21 Siehe unibrennt, [www.unibrennt.at], 26.09.2014; Regina ramPetzreiter, Brennt die Uni
noch?! Eine Darstellung des Bildungsprotestes 2009 und seiner Auswirkungen, Graz 2012;
Martin Johannes HaseLwanter, Gesellschaft – Bildung – Protest. Studentischer Aktionis-
mus in Zeiten der Instrumentalisierung von Bildung: Die Uni brennt! Innsbruck, Diss.,
Innsbruck 2014.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen