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9 SCHLUSS 439
2.3., ausführlich erörtert. Festzuhalten bleibt, dass es eine Orientierung an
den preußischen Universitäten gab. Sowohl der erste Unterrichtsminister
Franz Sommaruga als auch Franz Exner hatten dies explizit hervorgehoben
– beide hatten allerdings auch auf die Respektierung österreichischer Eigen-
heiten gepocht. In den Quellen wird meist allgemein von deutschen Univer-
sitäten gesprochen. Bewusst wurde in der Arbeit nicht von einem deutschen
‚Modell‘ gesprochen, denn eine solche Vorstellung von einem einheitlichen
‚deutschen Modell‘ oder eben eines ‚Humboldt’schen Modells‘ existierte zu
der Zeit nicht. Dennoch wurden einige Merkmale herausgearbeitet, die von
Zeitgenossen als typisch für die deutschen Universitäten galten. Besonders
wurde dabei die akademische Freiheit betont. Wie Mitchell Ash zuletzt noch
einmal deutlich gemacht hat, bedeutete die Orientierung an Preußen beson-
ders auch die Übernahme der Ordinarienuniversität. Allerdings betont er
auch, dass gerade im Hinblick auf die Etablierung des Forschungsimpera-
tivs an den Universitäten eher eine parallele und wechselseitig beeinflusste
Entwicklung stattfand, als „eine Übernahme bzw. eine Imitation des einen
(noch kaum ausgeformten) ‚Systems‘ durch das andere“29.
Darüber hinaus finden sich – das zeigen auch die Vorschläge der Inns-
brucker Professoren bei der Implementation der Reformen – Anklänge an
die Bildungsideale des Neuhumanismus und der Romantik. Dazu zählt be-
sonders die Förderung der antiken Sprachen im Gymnasium. Zentral war
auch die Übernahme der Seminare als Ausbildungsstätten für Lehrer.30 In
Innsbruck wurden die ersten Seminare erst nach der Ära Thun eingerichtet,
zunächst ein Seminar für klassische Philologen31, dann auch eines für His-
toriker. Allerdings hatte Julius Ficker, der die Seminaridee an seiner Hei-
matuniversität in Bonn kennengelernt hatte, bereits in den 1850er-Jahren
spezielle Übungen für angehende Gymnasiallehrer angeboten. Neben die-
sem positiven Wissenstransfer zeigt sich deutlich in der Politik Thuns, dass
die preußischen Universitäten gleichzeitig auch zur Abgrenzung verwendet
wurden. Einerseits sollte Österreich nämlich ein qualitativ gleichwertiges
Universitätssystem wie Preußen erhalten und damit in Wettbewerb mit
diesem treten und ein katholisches Gegengewicht etablieren. Andererseits
29 asH, Wurde ein „deutsches Universitätsmodell“ nach Österreich importiert? Offene For-
schungsfragen und Thesen.
30 Vgl. dazu auch bei Walter HöfLecHner, Bemerkungen zu Charakter und Funktion des
Seminars im Studium der Geschichte, vornehmlich am Beispiel der Universität Graz, in:
Herwig Ebner/Ingeborg Wiesflecker-Friedhuber (Hgg.), Forschungen zur Geschichte des
Alpen-Adria-Raumes. Festgabe für em.o.Univ.-Prof. Dr. Othmar Pickl zum 70. Geburtstag,
Graz 1997, S. 227–240.
31 mutH, Die Begründung des heutigen Instituts für Klassische Philologie der Universität
Innsbruck im Jahre 1860.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen