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SCHLUSS440
grenzte Thun sich mehrfach von der Lehrfreiheit ab, wie sie in Preußen galt,
und propagierte eine Lehrfreiheit „im Einklang mit dem Geiste der Kirche
und mit besonderer Beachtung der Interessen des Staates.“32
Für die meisten Zeitgenossen war die Orientierung an Preußen eindeutig,
allzu oft werden die Reformen mit Preußen, noch viel stärker allerdings mit
dem Protestantismus assoziiert. Das zeigen der zuletzt zitierte Brief von Ko-
petzky oder die Aussagen von Jakob Probst, der die Reformen in Innsbruck
aus nächster Nähe verfolgte.33 Letztlich scheint sich gerade an dieser Ori-
entierung an Preußen bzw. der als protestantisch gedeuteten Wissenschaft
der Großteil der Kritik entzündet zu haben. Kritiker, wie etwa Kopetzky,
befürchteten, dass damit „protestantischer Fortschritterei“34 Tür und Tor
geöffnet würde und der Verlust einer österreichischen Bildungstradition
vorangetrieben werde. Diese Kritik begleitet uns letztlich bis in die Gegen-
wart35, wenngleich an die Stelle von Preußen heute oft das amerikanische
Universitäts- und Wissenschaftssystem wechselseitig als Feind- oder Ideal-
bild getreten ist.36
Dieses Spannungsverhältnis von Übernahme und Abgrenzung von Preu-
ßen auf universitätspolitischer Ebene, das auch einen großen Teil der Ge-
schichte der Habsburgermonarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
dert kennzeichnet, schlug sich auch in der Historiografie zu Thun und den
Reformen nieder und äußerte sich immer besonders in Krisenzeiten bzw. in
Phasen einer Neuorientierung auf universitätspolitischer Ebene.
Wenn die Frage nach dem Verhältnis von preußischen und österreichi-
schen Universitäten für alle Universitäten der Habsburgermonarchie von
Interesse ist, so lässt sich für die Innsbrucker Hochschule noch eine zusätz-
liche Entwicklung festhalten. Hier, in einem zweisprachigen Kronland, ent-
faltete der Diskurs von der Orientierung an der deutschen Wissenschaft,
parallel zu einem wachsenden Deutschnationalismus, langfristig auch eine
starke politische Dimension, wie in Kapitel 7.3. gezeigt wurde. Das führte
dazu, dass die Universität, die in der Vergangenheit oft als Kontaktpunkt
von italienischer und deutscher Kultur angesehen wurde, zunehmend zur
32 Die Neugestaltung der österreichischen Universitäten über Allerhöchsten Befehl darge-
stellt von dem k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht, S. 23.
33 Vgl. ProBst, Geschichte der Universität Innsbruck seit ihrer Entstehung bis zum Jahre
1860, S. 341.
34 Kopetzky an Rauscher, Innsbruck 30.12.1860, Bischofsakten Rauscher, 1860, Diözesanar-
chiv Wien.
35 Otmar LaHodynsky, Verdrängungsbeschwerden, in: Profil (29.03.2013).
36 Vgl. etwa Konrad H. JarauscH, Amerika – Alptraum oder Vorbild? Transatlantische Be-
merkungen zum Problem der Universitätsreform, in: Ulrich Sieg (Hg.), Die Idee der Uni-
versität heute, München 2005, S. 87–102.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen