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9 SCHLUSS 441
‚deutschen Universität‘, zur südlichsten Festung deutscher Wissenschaft
stilisiert wurde. So wurden die italienischen Studenten immer mehr ausge-
grenzt, umgekehrt pochten sie selbst zunehmend auf die Gleichberechtigung
ihrer Nationalität an der Universität bzw. die Gründung einer italienischen
Fakultät/Universität. Für beide Sprachgruppen wurde Wissenschaft zuneh-
mend als nationales Projekt figuriert und gerade für Italiener, die sich ja
selbst als Kulturvolk verstanden, war es eine Demütigung, dass sie hinsicht-
lich einer nationalen Universität von anderen Nationalitäten des Reiches,
sogar von „den geschichtslosen Nationen überholt“37 wurden. Die Ausein-
andersetzungen zwischen deutsch- und italienischsprachigen Akademikern
gipfelten 1904 in den fatti di Innsbruck. Die grundlegenden Ursachen finden
sich in der Ära Thun begründet.
Parallel, aber in vielfacher Hinsicht entgegengesetzt zur zunehmenden
Apostrophierung der Universität als deutscher Universität lässt sich jedoch
auch feststellen, dass gerade ultramontane Gruppen und Professoren eine
alternative Konnotation der Universität forcierten und diese als Stützpfei-
ler zwischen den deutschsprachigen Katholiken und dem Papst in Rom
definierten. Diese Absicht wurde besonders anlässlich der Eröffnung der
theologischen Fakultät erkennbar, die hier im Rahmen der Debatten um
die Gründung einer katholischen Universität im deutschsprachigen Raum
in Kapitel 6 dargestellt worden ist. Innsbruck war ja damals immer wieder
als möglicher Standort für eine solche katholische Universität im Gespräch
gewesen. Im Zuge dieser Debatte wurde die Innsbrucker Universität als Fes-
tung des wahren Glaubens beschrieben, mehrfach auch auf die historische
Mission der Universität verwiesen und diese dabei auf gegenreformatorische
Aspekte reduziert und damit auch eine antiaufklärerische Tradition konst-
ruiert.38 In diesem Sinn sollte die Universität nach der Reform durch Thun
wieder an diese historische Mission anknüpfen, die protestantische Wis-
senschaft zurückdrängen und ihr eine katholische Wissenschaft entgegen-
stellen. Die Untersuchung – bzw. auch der oben zitierte Brief von Kopetzky
– verdeutlichten dabei, dass unter einer protestantischen Wissenschaft
insbesondere eine wissenschaftliche Beschäftigung und Lehre in absoluter
Freiheit, ohne Rücksicht auf die Lehren der (katholischen) Kirche angesehen
worden ist.
Die Gleichsetzung von protestantischer und deutscher Wissenschaft war
vielfach gegeben. Hinsichtlich dessen, was unter katholischer Wissenschaft
37 PaLLaver, Die „fatti di Innsbruck“ – Die traditionellen Parteien und die nationalen Fronten,
S. 107.
38 Vgl. dazu auch für das Beispiel der Universität Tübingen: PaLetscHek, Die permanente
Erfindung einer Tradition, S. 483–484.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen