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9 SCHLUSS 445
ren Hilfe eine gezielte Förderung gewisser Schulen, Paradigmen und For-
schungsschwerpunkte erzielt und auch die Lehrfreiheit implizit begrenzt
werden konnte. Als zentrales Ergebnis dieser Untersuchung kann festge-
halten werden, dass Thuns starke Hand bei Personalentscheidungen für die
Universität unverkennbar ist. In beinahe allen Berufungen bzw. bei allen
neu errichteten Lehrstühlen entschied er allein und eigenmächtig über die
zu ernennenden Kandidaten. In den meisten Fällen holte er dazu nicht ein-
mal einen Vorschlag der eigentlich zuständigen Fakultät ein, sondern stellte
diese vor vollendete Tatsachen. Für die Grazer Universität hatte Manfred
Bauer – trotz des kürzeren Untersuchungszeitraums – Ähnliches festgehal-
ten, wenngleich dort die Fakultät aber offenbar stärker versucht hatte, Ent-
scheidungen mitzugestalten. Für andere Universitäten fehlen systematische
Untersuchungen.52
Ein gewisses Maß an Einflussnahme versuchte die Innsbrucker Univer-
sität sich indes zu erhalten, indem einige Professoren der Universität bei
Thun als private/persönliche Ratgeber auftraten. An der Universität hatte
man offenbar recht schnell verstanden, dass der amtliche Weg bei Thun nur
bedingt zielführend war. Deshalb wurden Anträge der Universität meist
auch noch mit privaten Briefen unterstützt oder teilweise gar nur dieser
Weg eingeschlagen. Ein wichtiger Berater Thuns war in diesem Sinn der
Historiker Julius Ficker. Dieser beriet den Minister nicht nur in Perso-
nalfragen der Universität Innsbruck, sondern war allgemein ein wichtiger
Ratgeber Thuns, wenn es um die Bestellung von Historikern und Gymna-
siallehrern aus Fickers Heimatland Westfalen ging. Erwähnen muss man
auch Karl Ernst Moy de Sons, dessen Einfluss bei Thun allerdings begrenzt
gewesen zu sein scheint, der sich dessen ungeachtet jedoch in einer Vielzahl
von Situationen an Thun wandte, um dessen Entscheidungen zu beeinflus-
sen oder zu beschleunigen. Vielfach wurde auch der Umweg über Minis-
terialbeamte und/oder Tiroler in Wien gewählt, die bei Thun vorsprechen
sollten. Beredtes Beispiel hierfür gibt eine Aussage des Ministerialrates
Vinzenz von Ehrhart, der sich bei Adolf Pichler darüber beschwerte, dass er
laufend mit Anliegen aus der Heimat konfrontiert sei. Bei der Besetzung der
Stelle eines Skriptors der Universitätsbibliothek wurde er etwa von sechs
Kandidaten um Einflussnahme bei Thun gebeten.53 Mehrfach um Vermitt-
52 Nennen muss man jedoch die Arbeit von zikuLnig, Restrukturierung, Regeneration und
Reform: Die Prinzipien der Besetzungspolitik der Lehrkanzeln in der Ära des Ministers
Leo Graf Thun-Hohenstein. Da sie jedoch nicht Aussagen für einzelne Universitäten trifft,
eignet sich die Arbeit schwer für einen zwischenuniversitären Vergleich.
53 Siehe Erhart an Pichler, Wien 07.01.1860, GSK 74/I, 7, 1, Goethe- und Schiller-Archiv,
Weimar.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen