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SCHLUSS448
losophische Fakultät. Wirkmächtig war etwa die Schule von Julius Ficker,
aus der eine Reihe von späteren Professoren hervorging.59 Gerade Julius
Fickers Wirken veranschaulicht jedoch auch das Dilemma von Thuns Per-
sonalpolitik überdeutlich: Fickers Konzentration auf eine solide hilfswissen-
schaftliche und quellenkundliche Ausbildung seiner Studenten, mit der er
durchaus auch in Konkurrenz zur Prestigeinstitution der österreichischen
Geschichtswissenschaft, dem Institut für Österreichische Geschichtsfor-
schung, trat, ging zwar konform mit Thuns Ansinnen, hochqualifizierte Wis-
senschaftler an den Universitäten auszubilden. Gleichzeitig steht Fickers
weitgehender Rückzug aus öffentlichen Debatten nach seiner bekannten
Kontroverse mit Heinrich Sybel60 sinnbildlich für den begrenzten weltan-
schaulichen Einfluss, den er und viele andere von Thun ernannte Professo-
ren auf die Studenten hatten, den Thun sich jedoch von seiner Personalpo-
litik so sehr erhofft hatte. Die konservative Wende, die Umerziehung der
Studenten (die „‚Altweibermühle‘“61 Thuns) nach 1848 blieb weitgehend
aus.62 Der allgemeine liberale Zeitgeist setzt sich auch bei vielen Studenten
in Innsbruck durch und die Rede von der deutschen Wissenschaft implizierte
schließlich auch die Kräftigung einer deutschnationalen Stimmung unter
den Studenten.63
Thuns „Vertrauen auf Außenseiter“64, und, wie gezeigt, waren einige
von Thuns prominenten Ernennungen eben solche, war letztlich nicht ziel-
führend. Während es bei Ficker auch persönliche Gründe waren, die ihn zu
einem Rückzug aus öffentlichen wissenschaftlichen Debatten veranlassten,
steht Karl Ernst Moy de Sons hingegen symptomatisch für einen solchen Au-
ßenseiter, der zwar in der katholischen Laienbewegung großes Ansehen ge-
noss und auch wissenschaftlich produktiv war65, der aber bei der Mehrzahl
der Studenten mit seinen katholisch-konservativen Ansichten nicht mehr
durchdringen konnte. Moy gestand sich dies selbst ein und verfiel daher in
59 Vgl. dazu oBerkofLer, Die geschichtlichen Fächer an der philosophischen Fakultät der
Universität Innsbruck 1850–1945, S. 49–56; BrecHenmacHer, Julius Ficker; surman, Habs-
burg Universities 1848–1918, S. 354.
60 Siehe BrecHenmacHer, Wieviel Gegenwart verträgt historisches Urteilen?
61 Lentze, Die Universitätsreform des Ministers Graf Leo Thun-Hohenstein, S. 271. Lentze
hat sein Abschlusskapitel „Der Erfolg der ‚Altweibermühle‘“ benannt. Er bezog sich dabei
auf eine Aussage von Jarcke, der den Versuch, die österreichische Jugend umzuerziehen,
mit dem Versuch verglich, aus alten Frauen junge Mädchen zu machen – ein Wunsch, der
sich nur im Ballett erfülle.
62 Vgl. auch HeindL, Universitätsreform–Gesellschaftsreform, S. 146.
63 Vgl. BöscHe, Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer, S. 68–73.
64 Lentze, Die Universitätsreform des Ministers Graf Leo Thun-Hohenstein, S. 271.
65 Allerdings geriet Moys Philosophie rasch in Vergessenheit. Vgl. goLLer, Naturrecht,
Rechtsphilosophie oder Rechtstheorie?, S. 63–64.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Titel
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Untertitel
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Autor
- Christof Aichner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 512
- Schlagwörter
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen