Seite - 64 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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^H Steiermark.
der Fürst selten in Hollencgg nnd an Sonn- nnd Feiertagen ist das herrliche Schloß ein Zielpunkt der Grazer
Ausflügler.
Wir steigen nun in das Thal der Sulm hinab, berühren die kohlenrcichen Gegenden von Schwanberg,
Wies und Eibiswald, mit ihren Hütten-, Berg-, Eisen- und Stahlwerken. Bei Eibiswald steht das stattliche Schloß
der alten Eibiswalder. Auffallend ist die Sagenarmnth dieser sonst so poesiereichcn Gegenden; und die doch vorhandenen
Sagen und Märchen, die sich das Volk erzählt, tragen in der Regel den Eharaktcr anderer deutschen Geschichten,
wie sie sich überall an Ocrtlichkcitcn, Ruinen und Naturmcrkwürdigkcitcn knüpfen. So auch ist's hicr mit dcm
Text des Volksliedes, während die Melodie desselben schon etwas fremdartig klingt.
Eine Stunde hinter Eibiswald wird auf der Straße unser „Grüß Gott!" schon in slavischer Sprache
beantwortet. Wir sind angelangt an der Sprachgrenze, uud somit auch an der Grenze „unseres Vaterlandes". —
Weil es aber wohl wahr ist, daß die Slovenen von Jahr zu Jahr weiter ins deutsche Land hereinnagcn, freilich
um sich dann wieder aufzulösen in den deutschen Elementen, so wollen auch wir einen Zug ins Windischc keck
unternehmen und dem Liede folgen, das die Gauen „hoch vom Dachstein an bis ins Wcndenland, ins Bett der
Sann" als des deutschen Steirers Vaterland bezeichnet. Wollen in raschem Fluge über die Dräu und das Bachcr-
gebirge den Sannthalcralpcu zustreben, in welchen die Alpenwelt noch einmal in ihrer ganzen, wilden Herrlichkeit
auflebt. Wollen dann quer durchs Ncndcnland bis an die kroatische Grenze, und von dort wieder anf deutschen
Boden und ins Herz des Landes zurückkehren.
Wir steigen hinab zu den kalkigen Wellen der Dräu. Das ist der größte Fluß Steiermarks, aber von
Geburt ein Tiroler Bcrgkind, das seine Jugend in Kärntcn verlebt. Schon mannbar nnd gesetzt kommt die Fran
ins steirischc Wcinland und man sieht ihr den Uebermuth kaum mehr an, mit dem sie einst über die Felsen sprang.
Hier ist sie schon gesittet und überschreitet — auch bei Huchwasser — die Grenzen des Anstandcs nur selten. Sie
trägt schwere Floße nnd gibt sich gar auch schon ein wenig mit Schifffahrt ab. Sie treibt unterwegs hunderterlei
von Rädern und hält allerlei Fische, wie Huchen, Hechte, Karpfen, Barben, Schleien, Bürstlinge, Schiele, Alten,
zu jeder Tageszeit feil. Gerne fchaut sie an den windischcn Büheln hin dcm Winzer beim Keltern zu, wird schließlich
eingeladen znm Feste und macht eine gute Partie, vermählt sich mit dem fenrigen Jünglinge Rebensaft und erzeugt
mit ihm den „Wein".
Auch der von den steirischcn Alpen kommende Mnrfluß hat sich um die Dräu beworben und ihr viele
Meilen her auf kürzestem Wege zugestrebt. Aber plötzlich bei Ehrenhausen — nur mehr wenige Stunden vom Ziele
entfernt — fällts dem launenhaften Burschen ein: er vermähle sich noch nicht, nnd er schleicht oberhalb den nnndischen
Büheln hin. Erst auf den Pnsten Ungarns wirds ihm allein zn langweilig nnd er geht die Verbindung mit der
robusten Tirolcrin endlich ein.
Bei Mahrcnburg übersetzen wir die Dran und wandern an der Ruine Wuchern, dcm Stammsitze der einst
so mächtigen Mährenbergcr vorbei über das Bachergcbirge. Das ist eine finstere Welt für sich. Da ist noch
Vorzeit. Zu hundcrttausenden stehen sie da in ihrer stämmigsten Ursprünglichteit, die Lanb- nnd Nadelhölzer, aus
deren adwärtsstrebcndcin Graste der Baumbart in langen, grauen Strähnen niedcrwebt in die ewigen Schatten, die
mir selten ein Blitzstrahl der Tonne durchbricht. Doch gesellt sich zu dem Rauschen des Windes, zu dem Aufschrei
des Adlers nun bereits auch der Widerhall der Holzaxt, welche ausgeschickt ist von hungcrigen Glashütten, Eisen-
werken und Brettcrsägcn, um Nahrung heimzubringen. Das Bachergcbirge windet sich aus Kärnten her, um sich
in Stciermart zwischen der Dran und Sann auszubreiten, emporzuheben zu seiner 4866 Fuß hohen „Veika, kgMä,",
und östlich zur weiten Pettauer Ebene niederzufallen. Es ist siebenzehn Geviertmeilrn groß und enthält die bedeutendsten
und urthümlichstcn Waldungen Steiermarks. Auf seinen Höhen springt das Reh, der Hirsch, jauchzt der Auer- und
Schildhahn; in seinen Schluchten war vor wenigen Jahrzehnten Meister Petz noch heimisch. An seinen niedrigen
Hängen und Vurbergen aber stehen zahlreiche Dörfer, Schlösser nnd an die fünfzig Kirchen, lehnen Wiesen, Saatfelder
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918