Seite - 66 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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^ Steiermark.
anschließen. Rasch durcheilen wir das malerische Städtchen Windischgrätz, wenden uns bei St. Leonhard südwärts
durch wilde Gebirgsschluchten. Wir haben den Weinstock verloren: es geht wieder ins hohe Gebirge hinein: wir
durchschneiden den Weitcnsteincr Kalk- und Tolumitzug. Die Straße windet sich nur mühsam zwischen den wilden
Felsen hin. An der engsten Stelle, in, einer Felc'wölbung steht ein Denkmal an Erzherzog Johann, den Beförderer
diefer wichtigen Vcrbindungsstraße. Gleich unterhalb des Denkmals öffnet sich rechts eine Felsengruttc, aus welcher
ein mächtiger Bach hcrvorrauscht. Diese Höhle heißt das böse Loch, nach welchem anch der Engpaß den Namen hat.
Im Gebiete der hohen Petzen und des Nrsulaberges, den Sannthaler- oder Sulzbachcr Alpen zutrachtcnd berühren
wir die Märkte Wöllau, Schönstem und Praßbcrg. — Der Menschenschlag trägt hier überall den Charakter des
slavischen Stammes. Der Körperban ist schlank, Augen und Haare sind vorwaltend dunkel, im Gesicht liest man
Klugheit und Verschlossenheit. Den Eindruck treuherziger Gemüthlichkeit der deutschen Stcircr fühlt man hier nicht
mehr. Auch die Gemüthsstimmung scheint etwas gedrückt, melancholisch; man sieht selten ein fröhlich Treiben, hört
selten ein lnstig Lied. Die Kleidung besteht aus selbst erzeugtem Loden und aus Leinwand; allgemein gebräuchlich
sind die Holzschuhc. Was die Nahrung anbelangt, sind die Bewohner dieser Gegenden Vcgctariancr; Mais, Haiden,
Fisolen, Milch, Gemüse, Obstmust bilden ihre Hauptnahrungsmittel. Bei Hochzcits-, Tauf- und Todtcnmahlcn aber
geben sie sich leicht der Unmäßigteit hin. Die Wenden find sehr religiöc-, aber auch sehr abergläubisch; sie lieben
da? viele Roscntranzbcten, da? Wallfahren nnd fürchten sich vor Teufel und Hexen. Ringen nnd Raufen sind ihre
Lieblingsübungen, sie arten hierin aber oft aus, bis es Blut nnd Todte gibt.
Bei Praßberg stoßen wir an die Tann, den Fluß, der aus Westen von der „untcrsteirischcn Schweiz"
kommt, nnd den wir nnn bis zu seinem wildromantischen Ursprnng verfolgen »vollen. Es sind freilich mindestens
drei Tage dazu vonnöthen, bi? wir wieder in belebte Gegenden zurückkommen: aber wenn der Himmel gute« Wetter
gibt, so sind diese drei Tage in keiner Weise besser verwendbar, als wenn wir das Verlorne und verschlossene Sulz^
bachertlial aufsuchen. Der Weg ist gleich anfangs einladend. Es weitet sich etwa? das Thal; wir sehen hohe Gebirge,
die Praßderger Vöhen, die Oberburgcralpcn und im Hintergründe die kahlen, grauen Steinmassen, denen wir
entgegeneilen. Kalter Wind weht nns entgegen, er „riecht" nach Schnee und Eis. Wir passiren den Markt Riez
und kehren im Wallfahrt?orte St. Aaver ein. An der äußeren Wand der Filialtirche sehen wir das Riesenbild des
heiligen (iyristof, jene? Patron?, mit welchem ein lustiger Grazer Maler einmal eine große Wette gewonnen hatte. Er
kam ins Dorf, nm an die äußere Kirchenwand eine» möglichst großen Ehristof zn malen. Da versprach cr den Vätern
der Gemeinde, daß er an die Kirche einen Ehristof inalen »volle, der größer sei, als die Kirche. Sie lachten; cr aber wollte
daranf wetten. Sie gingen die Wette ein, und er malte an die Nand einen Ehristof, der sich tief bückte, nm sich
jnst die Sandalen zn binden. Gerade aufgerichtet würde der Mann hoch über das Kirchendach geragt haben. Der
Maler strich die Wette ein und die Gemeinde war tief befriedigt, einen so großen Schutzheiligen zn besitzen. — Wir
besichtigen in St. 5'aver die von Fürstenhand reich beschenkte Schatzkammer, steigen über grüne Weide zum Pfarrhofe
hinan, wo wir freundlich willkommen geheißen werden nnd übernachten können.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918