Seite - 67 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Die untersteirische Schweiz.
Die untersteirische Schweiz.
Im Murgen öffnen wir, nach dem Wetter auslugend,
das Fenster. Ein kühles Lüftchen weht uns an; das
Frühroth vergoldet den Thörberg, welcher gerade vor uns
sein leichtes Ncbelkleid fallen läßt. In der Morgenfrische
erreichen wir den Markt Laufen, den Stapelplatz der
Flöße, für welche die Sann hier schiffbar zu werden an-
fängt. — Die Lanfner sind ein rabiates Völklcin, so wie
überhaupt die ganze Gegend nicht im besten Rufe steht. Burschen-
übermuth in ruhester Form, Raufereien, Todtschlag nnd selbst
Morde kommen nicht selten vor. Die Gerichte müssen für diese
Leutchen ganz eigene Maßregeln treffen. Das Beste ist, man
nimmt alle tollen Burschen, sie mögen „tauglich" sein oder nicht,
zu Euldaten; nur so kann ihr Heißblnt nutzbringend angewendet
iverden.
Hinter Laufen fangen sich die Ufer allmälig zu heben an.
Hohe Berge, mit dickstämmigcn Waldungen bedeckt, ragen beider-
seits an. Der Weg schlingt sich bald über steile Anhöhen empor,
bald senkt er sich wieder tief bis ans Flußbett. Brausend schäumt
die Sann über kolossale Felstrümmer dahin, welche die Berge, in
wildem Grolle zusammenschauernd, im Laufe der Zeiten abgeschüttelt
haben. Bald geht's in düsteres Gehölz, bald gähnt vor uns
ein Abgrund in die Sann. Halbvermorschtc Holzbrücken führen über von den Bergen niederfahrende Wässer. Dort
und da ein langer, schwanker Steg, wie ein Faden über die Sann gespannt. — Wir erreichen eine Stelle, über
welche die Felsen einen ehernen Baldachin bilden; eine Steinbank ladet uns znm Rasten ein. Wir thun es und
gewahren die unendliche Einsamkeit, die uns umgibt. Stundenweit kein Haus, kein gastlich Dach. Wenn hier ein
Ungewitter losbräche, oder ein anderes Elcmcntarereigniß uns überraschte? — Die hohe Karnitza zur Seite und den
Velki Verh vor sich, schreiten wir wieder getrost vorwärts. Wir wandeln durch sanftgrünes Laubholz auf dem
Rücken einer Anhöhe dahin; die Berge scheinen auscinanderzutreten, das Auge ahnt eine freiere Aussicht. Wir sehen
den spitzen Kirchthurm von Leutschdorf. Hier schlägt sich der forellenreiche Lentschbach zur Sann. Wir sind mitten
in der Gebirgswelt, wie wir eine solche in Untcrsteiermark nicht gesucht hätten. Gerade gegen Westen hin steht die
Podvesha, die absichtlich recht breite Achseln macht, um vorläufig das noch zu verdecken, was im Hintergründe bestimmt
ist, uns zu überraschen. Nördlich ragt in trotziger Gewalt die Raducha. Im gastlichen Wirthshause zu Leutschdorf
hängen an Gams- und Hirschgeweihen Steigeisen, Hacken, Wurfspieß und Zither: auch die Tracht der Leute erinnert
uns hier wieder an deutsches Hochgebirge. Es ist ein ergiebiges Jagdrevier, in dem wir uns befinden. Nicht nur
der stattliche Berghirsch, der „König des Bergwaldes", sundern auch die Gemse wird hier von Jägern und Burschen
mit einer an Todesverachtung grenzenden Kühnheit gejagt.
»Jäger, eine geschossene Gemse anseilend.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918