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Die untersteirisciie Schweiz,
der Kehle zu fassen und todtzubcißen. Das Raubthicr stürzt zur Erde, das Hündlein sitzt hoch am Baume und
die Leute sind nicht wenig überrascht, als sie auf dem Wipfel den gar seltsamen Vogel gewahren. —
Wir kommen auf unsrer Wanderung endlich zu einein besonderen Effektstücke dieser Partie, zur Nadel, welche
durchschritten zu haben Mancher dem Wagestück einer
Montblanc-Besteigung gleichgestellt hat. — Wir haben
lins Dreiviertelstunden weit von Leutschdorf entfernt.
Das Flußbett ist so schmal geworden, daß ein
Kind Steine ans jenseitige Ufer werfen könnte.
Fast senkrecht steigt die Bergwand auf, welcher der
Pfad abgetrotzt ist. .Das Gebüsch verhüllt uns die
schwindelerregende Tiefe. Die nur noch von den
höchsten Bewohnern der Alpen, den Murmclthieren
bewohnten Felsen sind so eng zusammengerückt, daß
man keine Mcnschenmöglichkeit sieht, da durchzu-
dringen. Aber die Natur schlägt ihre Wünschcl-
ruthe dran: „Sesam, öffne dich!" und das Wunder
ist geschehen. Ein mächtiger, bis an die Sann
hinabrcichender Fclsblock scheint sich vun der Haupt-
wand losgerissen, aber wie von Ncnc ergriffen,
sich mit zurückgeneigter Achsel und Stirne wieder
an dieselbe gelehnt zu haben. Dieser kleine Zwischen-
ranm nun, vun der Achsel bis zur Stirne, bildet
das Oehr der Ricscnnadcl. Drei Stufen führen in
diese Klause, die kaum zwei Schuh weit ist. Ein
scharfer Luftzug fährt uns wie Gletschcrgruß ent-
gegen. Diese Fclsgestaltung der Nadel ist nicht
malerisch; denn der Maler wird ihr kaum ein genug
bezeichnendes Bild abgewinnen können, aber sie
ist seltsam.
Jenseits der Nadel steigen wir wieder zum
Flusse hinab; wer an dem schmalen Pfade der
Wand nicht mehr länger hinklettcrn will, der watet
durch das Wasser, wie sich hier überhaupt der Weg
in der Sann gänzlich zu verlieren droht. Aber da
hinten wohnen auch noch Menschen, und nach einer weiteren
sehen wir die Spitze des Pfarrthurmes von Sulzbach.
Wir eilen dem Pfarrhofe zu — begrüßen in dem geistlichen Herrn den
Touristenvater der Gegend, der uns gerne in Allem mit Rath und That bci-
springt. Kehren dann aber beim Meßner ein, wo wir gut aufgehoben sind. Sulzbach liegt in die Alpenwildnitz
wie eingemauert. Dort im Norden steht die Oushova mit ihren Felsenhöhlen, den „Rekrutcnlöchern". Südlich
ragt das Vorgebirge der Sherbinn und die Oistrizza. Oestlich trotzt zerfurcht und zerklüftet die ungeheure Raducha
— im Mondlichte gesehen, wie sie dastehend in ihrem faltigen Silbcrtalare — ein Riesenpriestcr, um im Schweigen
der Einsamkeit dem Herrn der Welt sein Opfer zu bringen. Gegen Westen gähnen die Hochschluchten, durch welche
Das Vekr der Nadel,
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918