Seite - 73 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Wanderungen im Tande der Wenden. ?I
Wir scheiden nun von dieser schreckhaften Größe und sagen nicht: Gott schütze dich! Oder sollten auch noch
solche Herrlichkeiten der Hut Gottes bedürftig sein? — Und wenn die Berge stürzen und die Felsen brechen, so wird
in was immer für einer Gestalt uns die Herrlichkeit und Größe nur noch bedeutsamer, denn nicht die Form allein
ist es, die uns in den Naturschönheiten packt, erschüttert und erhebt; es ist die Kraft, es sind die Gewalten, die
uns berücken, weil aus ihnen die Erscheinungen hervorgehen. —
Wir schließen uns der jungen Tochter der Rinka an und eilen zu Thalc und suchen den Rückweg. —
Nach Lcutschdorf zurückgekehrt haben wir das Gefühl, als ob wir einem großartigen, eines gefangenen Gottes
würdigen Kerker entronnen wären. Der Herr Pfarrer von Leutschach läßt uns gerne sein Rößlein satteln, um bis
Laufen zu reiten und von dort ans auf einein Stcirerwägelchen der uralten Stadt Cilli zuzufahreu.
Wanderungen im 3ande der Wenden.
IDie uns die freie
Weite wohl thut! Wir sehen
wieder Gärten und Reben,
Schlösser und Ruinen — nnd
das düstere Gethürme der
Sulzbacher Alpen ist weit
zurückgeblieben. Wir wandern
einen Tag lang durch Dörfer
und Märkte; Nömcrsteinc uud
eine finstere Burg um die
andere erzählen von bedeutsamer Vergangen-
heit dieser Gelände. Die Cillier Grafen sind
überall noch zu spüren; freilich stürzen nun,
unbekümmert von der heutigen Welt, ihrer
Burgen letzte bald in den Schutt. Hingegen
hämmern an der Sann fleißige Gcwerke, und
hinter dem Markte Sachjcnfeld trägt uns ein
sanfter Ost den fernen Pfiff des Dampfrosses entgegen. Wir sehen schon die Burg und die Thürme von Cilli —
die erste größere Stadt in Steiermark (mit 4450 Cinwohncrn), in welche wir nun — da wir fast zwei Drittheile
unseres Weges zurückgelegt haben — einziehen.
Cilli, das alte Celle, oder wie es die Römer nannten, die Colonia Claudia Celeja, ist der Hauptort der
unteren Steiermark. Die Stadt liegt in einem von Wald- und Weingärtenhügeln umgebenen, schönen Thale, am
Ufer der Sann. Auf den Höhen freundliche Landhäuser und Kirchen. Die Stadt ist trotz ihres Alters jugendlich
heiter und freundlich, hat breite Straßen mit hübschen Gebäuden und Stadtmauern mit großen, runden Eckthürmen.
Eine alte Chronik erzählt aus den schönen Zeiten von Cilli: ,,da waren auch die edlisten und mablein (marmorne)
türen und pallasten wunderleich gepaut, daß die selbig stat billeich die ander Troja war geheissen." 1493 waren
die Türken da, doch Georg von Herberstein ließ sie nicht in die Stadt. In der Pfarrkirche ist ein schöner Marmor-
altar; vor allem sehenswert!) ist die alte Kapelle an derselben, eines der schönsten Baudenkmale. Das im Jahre
1370 gestiftete Minuritenkloster dient heute zum Theile als Zinswohnnng, den andern Theil bildet die deutsche Kirche.
Ruine Vber-Lilli.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918