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Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
Seite - 88 -
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ßß Steiermark. einem großartigen Nachtmahle uon oft zwölf bis fünfzehn Gerichten. Bei diesen Brcchlcrmahlrn geht zumeist der ganze Vorrath, der im Jahr über erspart worden ist, dran. Tabci gibt es Tan; und Voltsspiele und Schabcrnat aller Art bis zum nächsten Morgen. Dieses Brecheln soll ein Ersatz sein für die Weinlesefeste des Unterlandes; aber ein Hemd aus Eigcnbnuflachs kommt dem Manne hier thenrcr, als eins von Sammt nnd Seide. — Ja, wenn es dann immer auch ein Hemd des Glücklichen wäre! In den Bereichen des Nabcnwald und weiter nördlich, wo die Tannen nnd Fichten schon wieder heimisch sind, nnd leider auch in vielen anderen Gegenden der östlichen Alpen, herrscht eine Gepflogenheit, die ich, so lustig es auch manchmal dabei zngeht, nur mit Widerwillen erwähne: das Graßschnatten. Alle acht oder zehn Jahre passirt es dort dem Tanncnbaum einmal, daß ein Mensch mit scharfen Steigeisen an seinem Stamm emporklettcrt nnd ihm alle längeren Acstc abhackt, bis empor znm Wipfel. Wird auch dieser abgeschlagen, wohlan, so kann der Baum rasch und ein- für allemal sterben; er verdorrt nnd kommt anf den Herd oder auf den Kohlenmeiler. Wird ihm aber der Wipfel belassen, so hat er die Pflicht noch weiter fortzuleben, zn wachsen, frisches Geäste zn treiben und sich nach zehn Jahren wieder „schnattcn" zu lassen. ,^n den Waldungen der Großgrundbesitzer passirt das freilich nicht; die Großgrundbesitzer sind die Schutzherren des schönen, steirischen Waldes. Tie kleineren Bancrn aber, und das sind die große Mehrzahl, verderben ihre Bäume in oben angedeuteter Art, um für ihren Viehstand 3taII stren zn gewinnen. Und sie machen aus diesem traurigen Geschäfte noch eine Lustbarkeit. Wenn der Mann nie sonst singt und pfeift nnd jauchzt: auf dem Baume thut ers, daß es weit hinklingt, nnd ist er an dein Wipfel angelangt, so schankclt er sich, so weit der Baum im Bugen sich mag biegen. Absonderlich ist es zn sehen, wenn ein Bauer die Nachbarn in seinen Wald ladet, uud hoch auf jedem Baum ein Mensch steht, nnd jeder schankelt sich, und jeder janchzt; nnd unten auf dein Erdboden sind die Weiber nnd Mädchen, die das niederstürzende Geästc in Büschen zusammenlegen. Am Abend kommt ein gutes Mahl, der arme, verstümmelte Baum kann selbst sehen, wie er nun fertig wird. Er wächst wirklich in den meisten Fällen weiter, sofern sie ihm nnr den Kopf gelassen haben, nnd schützt die Lente so gnt es geht vor Wind nnd Wasser, bietet ihnen einst Material für ihr Haus, für Wiege oder Sarg. Ein treuer, edler Freund, fo ein Baum! — Nach diesem knrzcn Ausblick bis hin über das Ionglland lIackellaud, Hanptort St. Jakob) gegen den Wechsel und das Mürztha!, eilen wir rasch durch das freundliche Raabthal, an Kirchberg, Gleisdorf, St. Ruprecht vorüber ins Weizthal einbiegend. Tie zweithürmige Kirche Weizberg leuchtet uns entgegen; an deren Fuß liegt der gastliche Markt Weiz mit Schloß und Eiscuhannncr. Tie alte Tabortirche in Weiz trägt die Jahreszahl 644. Ich vermuthe, daß bei der letzten Renovirung an dieser Ziffer ein Tausender verduscht wurden ist. Der Zahl glanbt kein Mensch. Wciz betreibt einen ganz besonderen Industriezweig — es hat eine Roscnkranzfabrik. Alle Wallfahrtskirchen des Landes werden von hier aus mit Bctschnürcn versorgt und selbst ins ferne Rnßland hinein wandern dieselben. Bei Wciz bricht sich das Hügelland, nnd die Vorbergc der Alpen beginnen. Mit ihnen aber auch die wild- schönen Partien. Ta ist hinter Wciz die stundenlange Naabklamm, mit ihrem kleinen, aber nngczogcnen Wasser, das keinen Steg und Weg dnlden will. Tief nntcr der dräncnden Güsserwand, an die empor die Straße sich flüchten muß, ist die schauerliche Schlucht gerissen, in der das übermüthige Alpcnkind, die Raab, ins Hügelland hinausspriugt. In dieser Gegend ist anch die Weizklamm mit Tropfsteinhöhlen. Tas culcnbcwohnte Katcrloch, in dessen Tiefen die Wände mit steten Eisrindcn bedeckt sind, nnd die großartige Graßelhöhlc mit ihren vielgestaltigen Gebilden. Tie vielen Löcher und Spalten dieser Grotten führen in unergründliche Tiefen. Vor mehreren Jahren ließ sich ein lustiger Kauz mittelst eines Seiles in einen dieser Abgründe nicdcrgleitcn. Er blieb lange in der Tiefe, und als man ihn cmpurzog, war er blaß und verstört. Auf die Fragen der Leute antwortete er, daß er da nnten allerdings was gesehen habe, doch was, das könne er nie und nimmermehr sagen. Manches Glas Wein ist ihm in den Wirthshäusern vorgesetzt worden, das sein Schweigen hätte lösen sollen. Er trank den Wein nnd schmnnzcltc und — schwieg.
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Unser Vaterland Steiermark und Kärnten
Titel
Unser Vaterland
Untertitel
Steiermark und Kärnten
Autoren
Peter.K. Rosegger
Fritz Pichler
A. von Rauschenfels
Verlag
Gebrüder Kröner
Ort
Stuttgart
Datum
1877
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
28.1 x 42.23 cm
Seiten
344
Schlagwörter
Wandern
Kategorien
Geographie, Land und Leute
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