Seite - 98 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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NH Steiermarl,
Wendcnlande heraufgckommcii; aber hier werden sie deutsch, sprechen deutsch, kochen deutsch, lieben und hcirathcn
deutsch — nur in der Kirche bedienen sie sich ihres wendischen Gcbctbüchleins, weil sie doch nicht ganz überzeugt
sind, ob der liebe Herrgott auch deutsch versteht. — Des Weitere» ^ weim man noch die italienischen Studenten
ansnimmt, die übrigens mich nur da sind, nm deutsche Wissenschaft »nd deutsches Bier einzusaugen — ist Graz
lirdeutsch. Gerne treibt man Politik nnd in manchen Kreisen gehört es zur Mode, mit den inneren Znständrn
möglichst linzufricdcn zn sein. — Der Lurus ist im Wachsen — eine Erschcinnng, die der Industrielle, vielleicht
vorläufig auch der Nationalökonom mit Freuden begrüßt, der Pädagoge aber bedauert. In guter Blüthe ist das
Wirthshauslcbcn; Eirkusbuden sind stets voll von Zuschauern, während in den Theatern mituuter Ocde herrscht.
Und anderseits doch wieder ideales Streben, das zeigen die vielen Vereine für Geselligkeit, Wohlthätigkeit und Knnst.
Daß sich die Grazer und Stcirer für Literatur interrssiren, zeigen die zwölf Buchhandlungen, an denen die Thürangeln
nicht rosten, die fünfzehn verschiedenen Journale politischen, wirthschaftlichen, belletristischen lind religiösen Inhaltes,
beweisen endlich auch die Dichter nnd vieleil Schriftsteller, die hier leben nnd sich Wohlbefinden. — Graz ist stolz
anf seine bedeutenden Männer, die es hatte nnd hat. Da waren unter vielen Anderen die Geschichtschreiber Sigmnnd
Freiherr von Hcrbcrstcin (auch Kriegsheld, der uuter fünf Kaisern gedient hatte), In l , A. Eäsar »nd A. v. Muchar;
die berühmten Gelehrten Hammcr-Plirgstall, Prokesch-Osten, G. F. Schreiner, Keppler, Ungar; da sind die Politiker
Rechbaucr nnd Kaiscrfeld, die Künstler Kauperz, Schiffer, Stark, Tnnncr, Vrockmann, Unter den Dichtern nenne ich
Johann v. Kalchberg, G. v. Lcitncr, Anastasins Grün, Robcrt Hamerling und F. Marr. Ferner ist Graz die
Gebnrts- nnd Pflegestätte vieler bedeutender Schauspieler und Schauspielerinnen. Und noch mehr würde der ideal
angelegte Theil des Grazcr Publikums der Kunst leben, wenn nicht die Natnr in der Umgebung der Hauptstadt so
sehr verlockend wäre. An heiteren Frühlings-, Sommer- lind Herbsttagen ist es in Graz unmöglich, ein Blich zu
lesen oder in einer Akademie zn sitze». Die Spaziergäiigc und Ausflüge sind zn verlockend. Da ist der Stadtpart,
der nahe Hilmteich mit seinen lieblichen Waldpartien, der sonnig-heitere Ruckrrlbcrg, der villenreiche Rosenbrrg mit seinem
schattige» Fraucutirchleiu Maria Grün — ein Plätzchen voll des Friedens nnd der Poesie. Da ist auf freier Höhnng
die schöne zwcithürmigc Wallfahrtskirche mit dem schönen Namen „Maria-Trost". Da ist der Nainerkogel mit feiner
überraschenden Aussicht anf Graz, mit seiner düster-öden aber stimmungsreichen Ulrichskapelle in der Waldschlncht. Da
ist der interessante Andritzursprung mit seinem wnnderbar schöneil tiefen Wasser, in welchem ein wahrer Garten von bunten
Wasserpflanzen wuchert. Da ist der Felsschober des Ealvarienberges mit den drei Kreuzen und lebensgroßen Statuen
aus der Leidensgeschichte des Erlösers. Da ist die mächtige Rninc Gösting mit ihren Wcinberglrhncn nnd dem
romantischen Inngfernsprnng, einem Felsen, von welchem sich ei»st die schölle Anna von Gösting, da man ihren
Geliebten im Iweikampf erschlug, in die Tiefe stürzte. Da ist der Plawntsch mit seiner Fürstcnwarte, von der aus
man eine herrliche Aussicht vom Donatiberg bis z»m Hochschwab, vom Rabenwald in Osten, bis zur Koralpc in
Westen genießt. Ferner schöne Spaziergänge nach dem fürstlichen Schlosse Eggcnberg mit seinem Grabmahle der
Gräfin Herberstein von Eanovn nnd mit der freundlichen Kaltwasserheilanstalt für Lcblustigc. Spazicrgänge nach dem
gartenähnlichen Thalkcsscl Thal und nach dein altdeutsch geballten Schlosse Hardt, a» dessen Eingang uns folgende
Worte begrüßen:
„Willkommen, Fremdling oder Freund,
Tollst sorglos bei uns weile».
Und all, was Herz und Haus dir beut,
Recht fröhlich mit uns theilen,"
Selbstverständlich kehren wir ein und finden einen biederen deutschen Mann, der ans den Rhcinlandcn gekommen
ist, sich in Graz ein glückliches Haus echtdeutscher Art gegründet und einen hochgeachteten Namen erworben hat — der
Großindiistriellc Peter Rcininghaus. Dieser Name ist so sehr verwachsen mit der steirischcn Landwirthschaft, Industrie,
mit dem politischen Leben des Landes und der Kunstwelt der Hauptstadt, daß er hier nicht unerwähnt bleiben darf.
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918